Sonntag, 21. März 2021

sog

 

es gab tage, an denen zerrte der sog stärker an ihr, war mit sinnen zu greifen, an anderen war er einfach nur da, wie wind oder ein hund oder das kleid, das sie trug.

wenn sie blicklos mit dem rad in eine kreuzung gefahren kam und haarscharf dem aufprall entgangen schreckte sie auf, hellwach durch den stich von adrenalin in der brust und ins tiefste erschrocken.

an anderen tagen lief sie wie blind durch läden, ging, fokussiert auf eine liste im kopf, regale entlang ohne zu sehen. fand das gesuchte doch und brach wehrlos in tränen aus.

tränen die kamen und gingen wie regen. die am bereitwilligsten flossen, sobald jemand, irgendwer, ein unbekannter am telefon, mit dem sich scherzen ließ, freundlich war, sie ansprach und hörte. sie spürte die ernsthafte zugewandtheit im sich ändernden klang einer stimme, in einem absichtlichen gespräch über nebensächlichkeiten, in dem plötzlich, unmittelbar wie ein sonnenstrahl nach gewitter, eine hautberührende nähe aufschien, aufschlug, detonierte und ihr innerstes verwüstend, sie haltlos schluchzend am tisch zurückließ.

am schlimmsten war es, nachts durch die spärlich erleuchteten räume zu gehn.

immer warf eine straßenlaterne, ein fremdes fenster licht genug, um die spiegel zu meiden. in der toilette den blick heben, mutprobe: sehe ich niemanden, bin ich tot. sie konnte sich sehen.

durch die küche ging sie nach draussen. der sog zerrte an ihrem gewicht. matt schimmerte das stahlgerüst der balkone, verlor sich stockwerke tiefer im hofdunkel, wo sie steinernes pflaster und den eisernen kanaldeckel wusste, erwartungsvoll schweigend.

wie weh es tat, wenn sie mit dem kopf auftraf? ob er zerbräche wie ein ei? oder landete man mit den füßen zuerst? halten die knöchel das aus? sie setzte sich auf einen stuhl, die beine zwischen balkonstreben gehängt.

nachtluft. klar. kühl. die geräusche der stadt, die nie still war. leise vielleicht. aber nie ruhig, so sehr sie es ersehnte. niemals ruhig.

der morgen fand sie mit steifem, schmerzendem hals und frierender haut. wie seltsam, dachte sie. draussen bin ich noch nie eingeschlafen.
sie stand auf und wollte ins warme. doch die balkontür war geschlossen und von den menschen, die drinnen herumgingen, hörte niemand ihr rufen. 

 

 

20./21.3.21

Zahnarzt Freitag abend

Mir fällt eine Krone raus, unten links, beim Mandelnessen.
Freitag abend. Natürlich! Oh nein!
Ich rufe sofort in der Praxis an, in der Hoffnung noch meinen Zahnarzt zu
erwischen.
Meine Freundin Ljuba nimmt ab, "nein, die sind alle schon weg. Ich mach
das. Komm einfach vorbei, gegen sieben".
Sie telefoniert mit ihrem Chef und bespricht sich - zur Sicherheit -
und als ich bei ihr bin, tut sie was sie ohnehin kann, mit ruhiger, sicherer Hand.
Desinfiziert, spült, tamponiert, pustet aus, rührt Kleber an
und setzt meine Krone wieder ein.
Ich beisse auf Watterollen und spreche durch geschlossene Zähne,
spüle aus, lache, gerettet!
Danke!
Wir bleiben sitzen und reden,
über unsere Kinder, die Männer, über Alter und Krankheit. Liebe und
Leben und Wut
seufzen und halten uns an den Händen.
Es ist so schön Dich zu sehen.


Reden über mein trans Kind und Ljuba erzählt von Freunden und Patienten
aus der Community,
die sie im Lauf ihres Berufslebens kennengelernt hat.
Hormone können alles verändern. Hauptsache der Mensch ist glücklich.
Mach Dir keinen Kopf, sagt sie weise.
Als wir uns verabschieden
mit Ellbogencheck und einer Umarmung mit den Augen
gibt sie mir ein grinsendes "Heute keine Bierflasche mit den Zähnen öffnen"
mit auf den Weg.
Ich kichere draussen noch.
Danke, Du liebe!!

 

 12.3.21

Sonntag, 28. Februar 2021

Begegnungen mit dem Begriff von Zeit

 we have to think in decades

Wir müssen in Dekaden denken. Oder zumindest in 5 Jahres-Zeiträumen. Das uns das schwerfällt, wissen wir alle. Sonst hätten die Club of Rome Vorhersagen von 1972 ja schon längst ein Umdenken und Umhandeln und Umbewerten in die Wege geleitet, mit tiefgreifenderen Änderungen/Eingriffen, als all den eher halbherzigen Bemühungen verschiedenster Staaten und Staatengemeinschaften, dem Klimawandel entsprechend ernsthaft zum Schutz unser aller Lebensbedingungen zu handeln. 

Wir sitzen hier im Rheintalgraben. Weinanbaugebiet. Warm. Obstbau. Zuckerrüben, Mais, Raps, Getreide. In den letzten sehr warmen Frühjahren wurden die Rübenäcker schon im April gewässert. Und dennoch war die Rübenernte immer mieser, kleine Feldfrüchte, weil zu trocken. Alte Weinberge, deren Wurzeln sehr tief reichen, kommen eher klar als einjährige Feldfrüchte. 

Wir sitzen im Rheintalgraben, beobachten bei trockenen Sommern, wie der Rhein schrumpft, bis die Frachtsschifffahrt reduziert werden muss, weil Teile des Flusses schwer schiffbar werden. 

Wir sitzen im Schrebergarten und bekommen im April die Bitte des Vorstandes ans schwarze Brett gehängt, es soll kein Rasen gewässert werden, weil das Wasserwerk grad einen Wasserverbrauch wie sonst nur im Juni verzeichnet. 

Wir sitzen im Rheintalgraben und wenn er weiter wärmer wird, werden wir Alle, SchrebergärtnerInnen, LandwirtInnen, StadtbewohnerInnen, (und wasserabhängige Industrie ebenso!) ab April, Mai, ums Wasser konkurrieren. Schliesslich die LandwirtInnen untereinander - welche Feldfrucht, welcher Anbau darf wässern, welche Sorten, wieviel % Hektar je Betrieb, egal, wir kommen in Konkurrenz. Und es wird ja nicht nur bei uns wärmer! Spanien hat durch die intensive Landwirtschaft seine Grundwasserspiegel so abgesenkt, dass da die Landwirtschaft auch über kurz oder lang eingehen wird. 

Wie sitzen im Rheintalgraben und ich weiss noch, wie die Felder meiner Kindheit aussahen. Die Feldflächen waren kleiner, die Baumränder, Heckenränder, Buschränder, Bächlein, Schilfstreifen waren viel viel mehr. Und, mehr Karnickel, mehr Feldhasen, Rebhühner, Eulen, Käuze, Insekten, führen Sie die Liste beliebig fort. 

Der Fachbegriff lautet Agroforstwirtschaft. Und zu der müssen wir zurück. Und zwar schnell. Schnell. Frau Klöckner, die mit der Industrie knutscht, wird das weder je kapieren noch umsetzen. Wieso Agroforstwirtschaft. Alle Streifen mit Bäumen, Sträuchern, Hecken, Büschen, Schilf bremsen Wind, halten Wasser, bringen Schatten, geben Schutz, Nahrung, Kleinklima. 

Große Flächen heizen sich auf, der Wind trägt Krume ab, Starkregen schwemmt Erde davon, schweres Gerät verdichtet den Boden, macht ihn lebensarm. 

Wir müssen in Dekaden denken. Und die Weichen dazu müssen JETZT gestellt werden. 

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Robin Wall Kimmerer beschreibt in Gathering Moss, wie die illegalen Moospflücker in Oregon die moosbehangenen Bäume kahl rupfen, nackt machen, wie ein Frau vor ihren Peinigern, wie sie es eindringlich und schmerzhaft beschreibt. Die BiologInnen, unter ihnen Kimmererer, können nur noch den Schaden verzeichnen. Und sie machen sich auf die Suche nach der Antwort, ob und wie und wie schnell das Moos die Bäume besiedelt. Sie stellen fest: Auf die alten nackten Bäume geht keines mehr. Oder es braucht Dekaden. 

Wie also wächst es. Mit den Schößlingen. Mit den kleinsten Jungbäumen. Überall dort, wo ein Blatt abfällt, entsteht am Zweiglein eine winzige Narbe. Ihr wisst, wie sie aussehen. Und genau dort, in diese kleinen Einbuchtungen,  dort siedeln sich ein zwei Sporen an. Und wachsen mit dem Baum.

Das Moos ist so alt wie die Bäume. 

Okay. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen. Etwas so wichtiges, das Lebensraum, Wasserspeicher, Wasserfilter, Klimamacher ist, das so winzig ist - ist so alt wie die Bäume. 

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Sohn eins hat mir über die Weihnachtsferien seine 6  Bände Lied von Feuer und Eis ausgeliehen. Als ich sie durchhatte, besorgte er mir die restlichen vier von einem seiner Freunde. Bingereading.

Gestern fragte er mich, ob sie mir eigentlich gefallen hätten. Ja! Wir reden über einzelne Figuren, Ahndlungsstränge, über die Umsetzung in der Serie Game of thrones (die ich nicht gesehen habe) und ich bleibe an Bran hängen. George R.R. Martin lässt den jungen querschnittsgelähmten Brandon zum Gestaltwandler werden. Jemand, der kraft seiner Gabe und Gedanken in jedes Tier schlüpfen kann, in der Wolfsgestalt jagen, in der Krähengestalt fliegen. 

Und er bringt ihm bei, dass für den Gestaltwandler Zeit nicht mehr linear ist. Dass er die Möglichkeit hat, genauso in Vergangenheit wie Gegenwart zu switchen.

Er lehrt ihn, in die Wurzeln des Wehrholzbaumes zu gehen, den Stamm hochzusteigen und aus den Augen, die die Menschen in die Stämme geschnitzt haben, hinauszusehen. 

Mich hat dieses Bild, in das Bewusstsein eines Wesens zu schlüpfen, das viel viel älter ist und wird als ein Mensch, das ortsgebunden ist, das viel viel größer ist und so vollkommen anders als ein und doch verwandtes Säuge- oder Wirbeltier, fasziniert. Ein Baumbewusstsein. Mit einem vollkommen anderen Zeitbegriff als unserem kurzen Menschenalter. Irre, oder?! Und der lineare Zeitbegriff, der uns ab Geburt fest im Griff hat und alles taktet, ist aufgehoben. 

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Hat Jemand den Film Arrival gesehen? Zwölf monolithen-muschelförmige Wesen, die auf der Erde landen und Kontakt aufnehmen. Und einen nichtlinearen sondern zirkulären Zeitbegriff haben - Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart, existieren gleichzeitig, liegen nebeneinander. Das ist etwas, was mir als linearem Wesen, mir vorzustellen, so gut wie nicht gelingt, aber für mich so unglaublich anziehend ist. Diese Imagination der nebeneinander liegenden Gleichzeitigkeiten, eines zirkulären Zeitbegriffs hat einen irren Sog, eine Faszination, eine Herausforderung! Es mir wirklich vorzustellen gelingt vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde, und dann ist es weg.


Über die Freude, den eigenen Körper zu mögen

Über das Gefühl, den eigenen Körper zu mögen. 

Wenn sie ihre Hände ansah und bewegte und bei jedem einzelnen Finger dachte, dass er ein Wunderwerk war aus Gelenken und Sehnen und Knöchelchen, das machte, was sie wollte und manchmal besser oder schneller, als sie denken konnte. Automatisch. Wenn sie in dem Automatischen im Kopf die Bremse zog und das Automatische zum Bewussten werden ließ und darüber zu einer ganz großen Dankbarkeit kam. 

Dieser Körper hat mich durch viele Jahre getragen, trägt mich immer noch und funktioniert im Großen und Ganzen erfreulich gut.

Wie sie die Freude am Bewegen wieder entdeckte. Am Hüpfen. Beine schwingen. Hampeln und Hopsen, wie sie es nannte. Mit dem Wochen immer furchtloser, immer achselzuckender, immer weniger verunsichert, wenn die Jungmänner und Jungmädels federnd an ihr vorbeiwippten, joggend, und sie da stand, hospte und hampelte, mit ihren bald sechzig Jahren und deutlichem Übergewicht. Wie ihr die Blicke immer weniger ausmachten und vielleicht sogar weniger wurden, manchmal sogar ein Lächeln, neulich ein scherzhaftes Gespräch mit einer Familie, die vorbeikam, als sie die Beine über die leeren Fahrradständer schwang. Gutes Kickboxtraining meinte der Vater und sie täuschte einen Kick an und sie alberten herum. 

Wie gut es tat, abends beim Umdrehn im Bett Muskelkater zu spüren, okay, die gezerrte Stelle an Schlüsselbein links war weniger lustig, aber die würde auch wieder weggehn. Treppen mit Schwung nehmen zu können, bis oben! Ja, sie war zu schwer und würde das wahrscheinlich kaum geändert bekommen, Diäten konnte sie sowieso in die Tonne treten, aber sich leichter zu fühlen, weil beweglicher, weicher, leichtgängiger, das war es, was es ausmachte. Freude in diese Corona-Herumhock-Trägheit spülte.  Dass sie es zulassen, nein, falsch, genießen konnte, wie sich im Körper ein Gefühl aufstaute, das auf-in-die-Laufschuhe rief oder jetzt-auf-die-Matte, das Gefühl mit Genuß hochkommen ließ, ganz bewusst spürte und zuließ, dass sie sich bewegen wollte.  Nicht dem ich-müsste-etwas-tun gequält nachkommen, halb pflichtbewusst, halb angenervt, sondern dass da ein Wille hochkam, der stärker war als Faulheit, als Bequemlichkeit und faule Ausreden, eine Freude über das, was ging, was erkennbar nach mehreren Wochen besser ging, leichter ging, Spaß machte, Freude am Bewegen, Freude am eigenen Körper. Und leise auch Stolz. Zu dieser Freude, die lange abhanden war, zurückgefunden zu haben. Stolz auf diesen Körper, was der, trotz Alter, Übergewicht, fehlendem Training, fehlender Kondition, noch konnte, und langsam wieder konnte.  Dass sie es geschafft hatte, sozusagen als Nebeneffekt, ohne es als Ziel gehabt zu haben, den hartnäckigen Schmerz in der Aussenleiste des linken Fußes einfach wegzutrainieren. Wieder Kraft in die Muskeln bekam. Stärke.

Vor ein paar Jahren hieß ihr Jahreswort Leichtigkeit, weil die ihr abhandengekommen war, im Denken, Fühlen, Ausdrücken, Schreiben, alles war schwer gewesen, niedergedrückt, langsam, festgefahren, ernst, ohne Witz. Das Jahr war vergangen, ohne dass die Leichtigkeit zurückgekommen war.

Beim Hopsen und Hampeln wurde ihr klar, was diesmal ihr Jahreswort sein würde, nein, war. Schon war. Die ganze Zeit schon. Und sie hatte es nicht gesehen: Beweglichkeit. Sie freute sich darauf. Tanzen. Drehen und Hüpfen. Sich leicht bewegen zu können. Zutrauen in diesen Körper zu fassen. Wie ein Kind. Auf einem Bein. Lachend.

Alte Brücke - für Mehrnousch. Mit Dank!

Die tiefgegründeten Füße der alten Brücke lagen freigelegt nackt unterm Regen. Ein Damm schützte die Fundamente, um die die Archäologen krochen, um das Alter jedes einzelnen Steins zu bestimmen. Was ein Aufwand, fluchte der Polier und schmiss seine Zigarettenkippe Richtung Ausgrabungsstelle. Sie verlosch zischend. Diese Aktion kostet uns mindestens 2 Monate Bauzeit, wo die Scherbenbuddler uns alles lahmlegen. Er spuckte aus. Am liebsten würde ich alles bei Nacht und Nebel fluten!

Und wie geht's weiter? fragst du.
Ja was weiss denn ich, wie es weitergeht.
Wieso weisst du das nicht?
Keine Ahnung, ich hab nicht darüber nachgedacht.
Flutet er jetzt die Baustelle oder was? Weiss ich nicht,
aber, jajaja, kann ja sein. Wenn er sie flutet, wirds ne Riesensauerei und er kriegt einen Mordskrach mit dem Baustellenleiter. Und mit der Stadt! Wieso der Stadt? Mit den Archäologen. Ja aber die Stadt schickt die doch immer hin, damit sie die Ausgrabungen sichern. Achso. Ja. Wenn Du das so genau weisst, wieso schreibst du dann nicht weiter? Es ist doch nicht mein Polier! Aha. Aber meiner, oder was? Ja klar ist es deiner, du hast ihn doch erfunden! Ich hab nix erfunden. Der war einfach da. Was heisst das "einfach da"? Das klingt wie eine saublöde Ausrede von Autorinnen, die nicht verraten wollen, wie sie ihre Geschichten stricken!

Also hör mal, weisste. Nein. Im Ernst, der war einfach da. Ich bin spazieren gewesen, da, weisst du, an der Nordmole, wo sie den letzten Brückenkopf oder was das war ausgegraben haben und die sichtbaren Mauern liegen hinter der Kaimauer im Trocknen. Und gleichzeitig haben sie, aber das war an einer anderen Stelle in der Stadt, jüdische Grabsteine gefunden, bei einer anderen Ausgrabung, und Mehrnousch wollte ne Geschichte zu der alten Brücke. Also hab ich das zusammengetan in Gedanken. 

In das Loch da geguckt und hebräische Schriftzeichen gesehen und mich gefragt, wen ich fragen muss, ob auf den alten Grabsteinen hebräisch oder jiddisch geschrieben steht, und dann wurde ich unsicher, ob es das gibt, jiddische Grabsteine oder ob ich furchtbar Mist schreibe, wenn ich das einfach so in die Geschichte baue. Deswegen hab ich's erst mal weggelassen. Und ob sie schon wissen, von wann die Grabsteine sind, ob sie das schon rausgekriegt haben oder auch nicht lesen können oder was. Weiss ja nicht, wen ich da fragen muss. Und in diese ganze Überlegerei ist der Polier aufgetaucht mit seiner Mordswut und die ganze Fragerei war futsch, weil der brennende Kippen in die Pfützen schmeisst und es regnet und ist eh ein Sauwetter und die Baustelle ist sowieso schon im Verzug wegen Corona, weil sie in 3 Schichten arbeiten müssen und seine Frau ist motzig, weil er immer so spät heimkommt und schlechte Laune hat und Schlamm in den Stiefeln bis an die Knie und dann graben die statt römischem Scheiss, den man ja bei jedem Spatenstich findet, plötzlich jüdische Grabsteine aus.  Jemand telefoniert, die Scherbenbuddler tanzen an und machen ein Geschiss drum, hebräisch hinten und jüdisch vorne, dabei sind die Grabsteine früher doch einfach überall eingebaut worden, die hat man schon an allen Ecken wieder ausgegraben, beim Tunnelbau am Südbahnhof, da sind auch ganz viele aufgetaucht.
Wo kommen die eigentlich hin?
Wer? Na, die Grabsteine, wenn sie sie ausgegraben und abgebürstet und gelesen und übersetzt haben. Wo kommen die dann hin? Weiss ich doch nicht. Die darf man bestimmt nicht ausstellen. Wieso nicht? Jüdische Gräber darf man ja auch nicht ummachen. Die liegen da bis zum jüngsten Gericht.
Und die Grabsteine auch?
Die Grabsteine auch.
Na dann gut Nacht. Da kriegt der Polier nen Herzinfarkt.
Hä? Wieso das denn nun? Ja, wenn die Grabsteine da bleiben und so irgendwie heilig sind, dann können die sich die weitere Baustelle doch in die Haare schmieren! Dann kommen Plexiglasplatten drüber und Denkmal-Erklärtext und Schulklassen zum Gucken und 'ne Einweihung mit Bürgermeister und dem Archäologenchef da, dem Kleinen, Du weisst schon und der Baudezernentin. Das volle Programm mit Blumenstrauss und Dankeschön und Scheiss. Und der Polier sitzt da mit den 15 Leiharbeitern aus Polen, die die ganze Zeit rumfluchen, weil das Zywieczbier alle ist und sie wegen Corona nicht heimfahren dürfen, weil sie dann in Quarantäne müssen und bis sie wieder hier sind und nochmal Quarantäne, ist die Arbeitsstelle futsch und sie verdienen garnix mehr. Also sitzen sie hier rum und warten, dass es weitergeht und trinken schlechtes deutsches Bier und gehen dem Polier auf den Wecker, weil sie ständig nach ihrem Geld fragen und der Arbeit und mit ihren Familien telefonieren, "jaja, geht weiter, nein, weiss nicht, wann Geld kommt" und er hat den ganzen Ärger. Also wird er doch fluten?
Ja, bleibt ihm ja nix andres übrig. Der will ja auch mal fertig werden. 


Am nächsten Morgen steht dann alles unter Wasser. Sie können endlich die Archäologenfuzzies wegschicken, weil, "Weg da! Jetzt kommen Männer, die arbeiten! Weg da!" Sie krempeln die Ärmel hoch und stehen mit Todesverachtung in Gummistiefeln, die viel zu niedrig sind, in dem scheissfebruarkalten Wasser und füllen die Baustelle mit Steinen von anderswo auf, da liegen ja 8 riesige Haufen das ganze Baustellenufer entlang, die Bagger fahren im Akkord hinundher, was hochschwappt wird abgepumpt, und eh die Scherbenbuddler piep sagen können, ist das Loch verfüllt. 

"Klasse, ganze Arbeit Männer, jetzt ist Feierabend!" Alle schmeissen ihre Kippen ins Wasser, dass es zischt und gehen gegen das Licht der untergehenden Sonne zu ihren Baubaracken und der Abspann läuft mit so Cowboyundwesternmusik.
Das passt jetzt aber garnicht.
Mann, Du hast über.haupt.keine.Phantasie.und.keine.Ahnung.vom.Schreiben! Dann schreib's doch selber!

Sonntag, 21. Februar 2021

Zweite Haut.

Manchmal wünschte sie sich eine zweite Haut, für ein paar Stunden, einen Tag, eine Nacht. In eine fremde Haut schlüpfen, die ihr erlauben würde, das Leben einer Anderen zu führen.

Wie sah anderes Leben aus? Wenn sie abends durch die Straßen ging und in den Fenstern nach und nach die Lichter aufleuchteten wie in einem Adventskalender, wurde der Wunsch am stärksten.  

Die Wohnung oben im zweiten Stock des Eckhauses, mit ihrem gemütlichen, gelben Leuchten, das sie in ihren vier Wänden nie hinbekommen hatte, des idiotischen Kronleuchters wegen, der jahrelang viel zu hoch angebracht war und mit seinen funzligen Energiesparbirnen die Decke anstrahlte, während der Raum im Zwielicht absoff. Diese Wohnung dort oben mit dem warmen, goldenen Licht zog sie an.

Sie sehnte sich danach, dort zu sein, sich zwischen diesen Möbeln zu bewegen, von denen sie nur die oberen Fächer der mintgrünen Anrichte sehen konnte, Bücherregale, Pflanzen am Fenster und den kleinen Hund, der hinaussah. Ob er auf einer Sofalehne stand?

Wie es dort riechen würde? Nach scharfem Waschpulver, anderen Gewürzen, nach welchem Essen oder gar einem Raumparfum? Oder einfach nur nach den Menschen, die dort herumgingen? Sie schalt sich aus in Gedanken. Es würde nach Hund riechen, natürlich. Überall voller Haare sein.

Wie fühlt es sich an, so zu leben, dort, fragte sie sich, im Dunkel auf dem Platz gegenüber stehend, den Blick auf die Fenster gerichtet, eine gierige Stalkerin. Wie sehen die anderen Zimmer aus? Wie hell ist das Bad? Und wie klein die Küche? In welcher Farbe ist der Flur bemalt? Ob es Bilder gibt? Gewebte Stoffe an der Wand? Oder einen Schuhschrank und Hanteln unterm Bett? 

Wie riecht es im Treppenhaus? Gibt es einen Balkon hinten raus? Wie geht man in dieser Wohnung? Auf Socken? Oder in Straßenschuhen? 

Wie fühlen, denken, schmecken Menschen, die mit einer mintgrünen Anrichte leben, mit einem Hund und einem, irgendeinem, unbekannten Beruf? Reden sie mit ihren Pflanzen? Fahren sie morgens zur Arbeit oder gibt es ein homeoffice Arbeitszimmer? Sprechen sie noch miteinander? Gibt es Geschwister? Geliebte? Verlassene? Und wo sitzt die Angst? Schmerzen? Die Scham? In welche Schubladen werden die verleugneten, bösen, peinlichen Geschichten rüde ins Vergessen gestopft und springen doch wieder auf? Hilft der Hund gegen die Einsamkeit, wenn sie mit dem Geräusch von Gabelzinken auf Porzellan mit ihren Nägeln am Fenster kratzt und herein will? 

Oder waren sie glücklich? Gedankenlos froh, wenn der Hund morgens fiepte. Trugen Socken im Partnerlook und T Shirts mit Motto unter den gleichen witzigen Hoodies, so austauschbar, ach, so schön.

Und worüber lachten sie? Lachten sie miteinander? Oder lachte der Spott mit hochgezogenen Augenbrauen, die Lippe verzogen und schief. Wie schmeckte ihre Verstörung, ihr Ärger, ihr Zorn, wenn Einer Türen schlagend die Wohnung verließ, krachend aus dem Haus stürmte und kurz und verwirrt bellte der Hund.

 

Sie überquert den Platz, fängt die Haustür ab, ehe sie ins Schloss fallen kann, und betritt das Haus.


21.2.2021

 

Samstag, 20. Februar 2021

Vermischtes. Hanau. Kochen. Garten.

Am 19. Februar 2020 wurden neun Menschen von einem rassistischen Terroristen in Hanau erschossen. 

Wir trauern um Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velko.

Esra Karakaya führte ein langes Gespräch mit Mohamed Amjahid und Çetin Gültekin, Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin: Wie werden die Angehörigen von Staat, Polizei und der Stadt Hanau unterstützt? Wie gehen die Medien mit dem Terroranschlag um? Warum funktioniert der Hanauer Notruf immer noch nicht und wie kann es überhaupt sein, dass der Notausgang der Arena Bar auf Anweisung der Polizei verriegelt wurde? Und wo – THE F*CK – bleiben eigentlich die Aufklärung und die Konsequenzen daraus?! Zitat aus Karakayatalk. Nachzuhören auf Karakayatalk.    Bitte hören, aushalten und teilen.

Mein großer tiefer Dank an Esra für diese Sendung.

Beschämend, traurig, bitter.  Und nein, #HanauwarkeinEinzelfall und #Hanauistüberall. 

Ich bin betroffen, zornig, enttäuscht. Und beschämt. 

Unsere Zivilgesellschaft, WIR Alle müssen zusammenstehen, dass die Rechten, die Islamhasser, die Rassisten, und all die, die sie willentlich und wissentlich unterstützen, in Behörden, bei der Polizei, in Parteien, beim Verfassungsschutz, verdammt noch mal damit nicht durchkommen. Und wir alle müssen uns überall dann an die Nase fassen, wenn wir Vorurteile und Stereotype wiederholen, glauben, ihnen aufsitzen, nicht hinterfragen, nicht halt, stop, nein, so nicht rufen.  

Wie kann es sein, dass Waffenscheine bekannt rechtsextremer rassistischer Personen nicht umgehend entzogen und die Waffen eingezogen werden?

Wie kann es sein, dass im Gegenteil  seit 2020 derart viel Waffenscheine neu ausgestellt worden sind?! Wer zum Teufel noch mal stellt sich da systematisch blind? 

Wie kann es sein, dass der hessische Opferhilfsfond statt für die Opfer rechtsextremer rassistischer Gewalt nun für alle Opfer von Gewalttaten gelten soll und damit die Opferfamilien von Hanau in eine unwürdige Opferkonkurrenz zu Opfern sämtlicher Straftaten zwingt? Quelle

Wie kann es sein, dass es heute 1 Jahr nach Hanau, nach den Aufklärungsdesaster der NSU Morde, nach dem Aufdecken rechtsextremer Seilschaften in Kreisen der Polizei und des Verfassungsschutzes, immer noch keine unabhängige externe Überwachungsstelle für genau diese Behörden und Vorfälle existiert?  

Wie kann es sein, dass Jedermensch in diesem Land weiss, dass wir systemimmanenten Rassismus haben, aber Seehofer mit der Ablehnung einer Studie über Rassismus und Rechtsextremismus bei der Polizei durchkommt?  

Oh mann. man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte. 

*  *  *  *  * 

Das war jetzt keine schlaue Überleitung, wenn ich jetzt auf ein Achtung 180°Schwenk anderes Thema segle.

Der Göttergatte tut den Wunsch nach Grünkernbratlingen kund. Ich grabe die Küche um bis in die dritte Reihe der Vorratsgläser. Der vorhandene Grünkern ist gut 5 Jahre alt und riecht definiert ranzig. Das Grünkernmehl  dito. Der Buchweizen steht dem in Scheusslichkeit nichts nach.  (3 Jahre überm MHD) Oh Mann, ich müsste öfter die dritte Reihe durchchecken, was?! Ärger. Was nun? Hirse ist da. Bisher war ich ja kein großer Hirsefan, das Zeug mag Sohn 1, der sich gerne Hirsebrei kocht. Ich fand Hirse immer, naja, bröselig, trocken, manchmal hart, langweilig. 

Tjaaaa, wenn man den Kram aber entsprechend dopt mit all den Gewürzen, den diese meine Küche bekanntermaßen hergibt, dann werden Hirsefrikadellen saulecker!

Hirse in Brühe aufkochen und quellen lassen. Abkühlen. In eine Schüssel kippen. 1 kleine Zucchini grob raffeln. Dazukippen. 100 g Ziegenkäsefrischkäserollen reinkrümeln. (Im Nachinein sage ich, es hätten 200 g drangekommt.) 1 große Zwiebel und 2 große Knofelzehen feingehackt anschmoren. Dazu. 2 Möhren grob raffeln, anschmoren, dazu. Würzen: Pfeffer, Salz, Majoran, Kräuter der Provence, Muskat, so weit, so normal.

Und jetzt das Doping: Raz el Hanout, Galgant, Chillie, geräuchertes Paprikapulver (obergeil, ich sags Euch) und 2 rohe Eier. 

Im übriggebliebenen Kreppelfett von letztem Sonntag (Kokosöl und Distelöl) anbraten. Achtung, krümelt beim Wenden. Wird mir fast aus der Pfanne gemampft. Sogar von den Familiennasen, die bei Zucchini seeehr hochgezogene Augenbrauen bekommen und lange Zähne. 

Machen wir jetzt öfter, glaube ich. Bis wieder wer Grünkernschrot mitbringt. Der kommt dann aber in die erste Reihe....

*  *  *  *  *  * 

Der Frühling kriegt plötzlich Schluckauf und explodiert, mich brummsummseln die Holzbienen fast über den Haufen, zum Glück sind sie soo laut, dass ich ausweichen kann, die Küchentür steht den halben Tag offen, der Göga rennt ein paar Stunden barfuß und in kurzen Hosen in der Wohnung rum (Spinner), Sohn 2 stellt sich in die Küche und bäckt Nussecken, die Tulpen auf dem Balkon sind schon 4 cm hoch, im Garten hat der Kerbel Schnee und Frost überstanden und steht wie ein grünes Spitzendeckchen im Kompost und die Schneeglöckchen blühen!

Danke an wen auch immer, der die dahin geschleppt, vergraben oder ausgesäät hat. 

Garten ist Wundertüte. Jedes Jahr. Hachz. 

Treibt's bunt.
 


Dienstag, 16. Februar 2021

Februar!!

Ich bin februargeboren. Was mir in den Knochen steckt. Aszendent zunehmender Mond oder so... Nichts schöner, als dem steigenden Licht zuzuschauen. Mittags, so ab halb zwei, eine knappe Stunde Brüllsonne in der Küche. Ich knurre Jeden an, der mich in den Schatten stellt. Nachmittags um vier, halb fünf reflektiert sie gekonnt von den rückseitigen Fenstern der Rheinalleebebauung direkt in mein Zimmer! 20 Minuten. Hachz. Danach ist der Tag sonnenlichtmäßig gelaufen.  Bis sie es morgens über das Schulgebäude schafft und durch mein Bücherregal wandert, dauert noch anderthalb Monate. 

Montag früh strahlte der Himmel feurig. Ich liess den Schreibtisch Schreibtisch sein, schlüpfte in Eisbärjacke und dicke Schuhe. Nichts wie raus, Sonnenaufgang gucken. Verarscht. Ts. Erst ein Himmel in Flammen, dann ein graues Wolkenband, hinter dem sie sich umzog, um eine dreiviertelstunde Stunde später blassweiss verhangen irgendwo oben herumzublinzeln. Ts. Gemeinheit.  

Aber die Sonnenuntergänge am Rhein! Weiter Himmel, spektakuläre Wolken, reflektierende Lampen im Wasser, Gestolper über Treibgut, angefrorene Hochwasserrestmatsche, rabazzende Möwenschwärme, die sich um Brotreste balgen, dass die Federn fliegen, der Bettelschwan vom kasteller Ufer.

Strohrum und Stützfrikadellen

Herr Buddenbohm hat mich mit dem Weckwort Rummeroma und seiner Stützschokolade schlagartig ins Erinnern katapultiert. Rumaroma. Gab's bei uns nie. Aber Strohrum, den Oma jeden Sommer von ihrem südtiroler Wanderurlaub mitbrachte. Sie starb 2003. Eine Flasche von dem Zeug haben wir noch. Strohrum. 80%. Pure Chemie mit Zuckerkulör. Bah. 

Kam in Kirschenmichel oder Apfelmichel, Rosinen und Korinthen für den Weihnachtsstollen wurden darin eingelegt, ein Schluck in alle Kuchenteige, weil "der hilft aufgehen".  Im Winter Tee mit Rum. Die Erinnerung an den Geruch reicht und ich stehe in der niedrigen Küche, gestrichen in helltürkis, am großen Tisch mit seiner Wachstuchdecke, in die ich an langweiligen mach-deine-Hausaufgaben-Nachmittagen mit den Gabelzinken Löcher piekte, brav dem aufgedruckten Kreuzstichmuster nach. (So spitzige Gabeln gibt's heute nicht mehr. Gefährdung des Kindeswohls...) Meine kleine Oma wuselte, rührte Kuchenteig, schlug Eischnee mit den Schneerädchen*, ich drehte auch ne Weile, aber ihre Ausdauer hatte ich nicht. Am Spülstein nur fliessend kalt Wasser. Nescafe mit Kabapulver gemischt für's Kind. Oma mischte Pils mit Malzbier. Sie mochte es auch lieber süß.

Stützschokolade ist ein wundervoll assoziativer Begriff. Kann ich bestens nachvollziehen. Sind bei mir Stützkekse. Ich brauchs knirschend, knurspelnd, krachend. 

Als ich Kind war, wären es eher Stützfrikadellen gewesen. Und zwar Freitag nachmittags. Mutter kam freitags am frühen Nachmittag heim, fertig nach einer Knochenwoche in einem Männerberuf. Kochen? Bloß nicht! Ab ins Auto und zum Strebel, der hatte Hähnchen am Grill und heisse Frikadellen. Bezahlt, Tüten genommen und zurück ins Auto. Eine Tüte gleich auf den Schoß. Aufmachen. Der Geruch! Boah. Dass der Magen noch lauter knurrt. Die Stützfrikadelle. Mundverbrennend heiss im blassen Brötchen. 

Würd ich jetzt auch eine essen. 

 

*Schneerädchen: oben Kurbel und Griff, mittig Zahnrad, unten ein Schlägerpaar. Simple Mechanik für Sahne und Eischnee

Donnerstag, 21. Januar 2021

wo rollt der halbe kopf vom mond?

wo rollt der halbe kopf vom mond?

der mond hat seinen halben kopf verloren
und die scherenschnitte der bäume winken
im strassenlampenlicht
eine späte ratte wuselt über'n schulhof
schlechte zeiten
bei distanzunterricht bleiben die mülltonnen leer
dein schwarzer hund wedelt um meine beine
und die müdigkeit wohnt lange hier

wir stehen an den fenstern
schauen in die nacht
in pfützen rollt der halbe kopf vom mond
wer hat ihn glatt entzweigehau'n?
am offnen fenster wird es kalt
lass schlafen gehn
lass schlafen gehn
lass schlafen gehn
lass gehn
im regen

21.1.2021



Mittwoch, 20. Januar 2021

bau mir eine wiege aus einem wort

bau mir eine wiege aus einem wort
eine hängematte aus atem
flüstern kleidet mich ein
ein weites tuch aus abgelegten vergessenen silben
schillernd
und darunter

ein kleid aus verführung

gib mir eine woge aus worten
grün gläsern blau schaumig gekräuselt und donnernd
an die felsen deiner hartherzigkeit

ich bin eine hülle aus namen
gewebt für das empfindlichste
unter uns
zärter als hauchdünnes glas
verletzlich wie die haut eines neugeborenen

gib mir eine rüstung aus knurren gekeife gezänk
beinschienen aus hass und einen helm aus gebrüll
zu donnern gegen die feinde
sie an die wand zu nageln, zu boden zu werfen, bis sie
zerknirscht
den sand ihrer toten argumente ausspucken
und zu kreuze kriechen

wir legen schlingen aus jauchzen und locken
streuen gurrende silben
gehen uns gegenseitig in die fallen, auf den leim, kleben
aneinander
und tönen aus geteiltem mund

bis der mond
das schweigen
übernimmt.


(c) 20.1.2021

Sonntag, 17. Januar 2021

Endlich Schnee

In der Nacht schon stehe ich mit dem jüngeren Kind auf dem Balkon und wir hören dem Flüstern des Schnees zu. Nachts gegen dreiviertel eins, stehe ich mit Aprikosenmarmeladebrot und einer Tasse Tee an der offenen Balkontür und genieße die Schneeluft. 

Sogar die Brause der Gießkanne hat ein Schneehäubchen und er ist in meinen Schnittlauch geweht.





 

Morgens stehe ich in Socken (bah ist das kalt) auf dem Balkon und mache die ersten Fotos. Schnee ist so rar bei uns. Ich möchte ihn festhalten. 

Im EG ist niemand zuhause, wie schön, nur Vogelspuren, die niemand zertrampelt. 



Badewanne zugefroren. 


Mein Glücksgott sieht im Schnee immer so glücklich aus. 



Später machen wir uns auf zu einem Schneespaziergang. 




und sie schüttelt ihr güldenes Haupt

... Korkenzieherweide

Schneefrau
Schneekind


Dachgartenzwergwäldchen



Gras streicheln


Jetzt regnets schon wieder und die Pracht ist dahin. 

Soifz. 

Gute Nacht.