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Sonntag, 16. April 2023

meine freundin geht auf ihre letzte reise

ich sehe zwei krähen auffliegen

sie landen nebeneinander wippend auf dem zaun, sehen sich an, eine streicht ab.

 

ich sehe das sonnenlicht gleissend auf dem rhein

und den himmel fast weiss. 


ich sehe blühende veilchen, ein büschel,

gewachsen auf angewehtem humus in einem baumknubbelknie

in einem langweiligen vorgarten unseres viertels.


ich sehe ein dünnes reis feuerdorn mit ein zwei drei blättern

gepflanzt in eine heckenlücke am wegrand in der josefstraße.


es ist der 14. april 2023. ich sehe, was du nie wieder sehen wirst, an, als sei es neu. 

ich erzähle dir meinen weg durch unsere straßen in gedanken, während du in deinem krankenbett dem tod entgegentreibst. schlafend. wortlos. beim erwachen verwirrt, bis dein blick fokussiert und zuklappt, weiterschläft. der anderen seite entgegen.

ich danke dir für 23 jahre und 4 monate freundschaft, küchengespräche, spaziergänge, juristisch-politische diskussionen, rückendeckung, unterstützung und hilfe, lachende zupackende frauensolidarität, ehrliche fragen und kommentare, und all die jahre deiner liebe zu meinen kindern.

ich danke dir für dich, liebste freundin

immer für dich

Sabine

danke

 

gute reise

Sonntag, 28. Februar 2021

Über die Freude, den eigenen Körper zu mögen

Über das Gefühl, den eigenen Körper zu mögen. 

Wenn sie ihre Hände ansah und bewegte und bei jedem einzelnen Finger dachte, dass er ein Wunderwerk war aus Gelenken und Sehnen und Knöchelchen, das machte, was sie wollte und manchmal besser oder schneller, als sie denken konnte. Automatisch. Wenn sie in dem Automatischen im Kopf die Bremse zog und das Automatische zum Bewussten werden ließ und darüber zu einer ganz großen Dankbarkeit kam. 

Dieser Körper hat mich durch viele Jahre getragen, trägt mich immer noch und funktioniert im Großen und Ganzen erfreulich gut.

Wie sie die Freude am Bewegen wieder entdeckte. Am Hüpfen. Beine schwingen. Hampeln und Hopsen, wie sie es nannte. Mit dem Wochen immer furchtloser, immer achselzuckender, immer weniger verunsichert, wenn die Jungmänner und Jungmädels federnd an ihr vorbeiwippten, joggend, und sie da stand, hospte und hampelte, mit ihren bald sechzig Jahren und deutlichem Übergewicht. Wie ihr die Blicke immer weniger ausmachten und vielleicht sogar weniger wurden, manchmal sogar ein Lächeln, neulich ein scherzhaftes Gespräch mit einer Familie, die vorbeikam, als sie die Beine über die leeren Fahrradständer schwang. Gutes Kickboxtraining meinte der Vater und sie täuschte einen Kick an und sie alberten herum. 

Wie gut es tat, abends beim Umdrehn im Bett Muskelkater zu spüren, okay, die gezerrte Stelle an Schlüsselbein links war weniger lustig, aber die würde auch wieder weggehn. Treppen mit Schwung nehmen zu können, bis oben! Ja, sie war zu schwer und würde das wahrscheinlich kaum geändert bekommen, Diäten konnte sie sowieso in die Tonne treten, aber sich leichter zu fühlen, weil beweglicher, weicher, leichtgängiger, das war es, was es ausmachte. Freude in diese Corona-Herumhock-Trägheit spülte.  Dass sie es zulassen, nein, falsch, genießen konnte, wie sich im Körper ein Gefühl aufstaute, das auf-in-die-Laufschuhe rief oder jetzt-auf-die-Matte, das Gefühl mit Genuß hochkommen ließ, ganz bewusst spürte und zuließ, dass sie sich bewegen wollte.  Nicht dem ich-müsste-etwas-tun gequält nachkommen, halb pflichtbewusst, halb angenervt, sondern dass da ein Wille hochkam, der stärker war als Faulheit, als Bequemlichkeit und faule Ausreden, eine Freude über das, was ging, was erkennbar nach mehreren Wochen besser ging, leichter ging, Spaß machte, Freude am Bewegen, Freude am eigenen Körper. Und leise auch Stolz. Zu dieser Freude, die lange abhanden war, zurückgefunden zu haben. Stolz auf diesen Körper, was der, trotz Alter, Übergewicht, fehlendem Training, fehlender Kondition, noch konnte, und langsam wieder konnte.  Dass sie es geschafft hatte, sozusagen als Nebeneffekt, ohne es als Ziel gehabt zu haben, den hartnäckigen Schmerz in der Aussenleiste des linken Fußes einfach wegzutrainieren. Wieder Kraft in die Muskeln bekam. Stärke.

Vor ein paar Jahren hieß ihr Jahreswort Leichtigkeit, weil die ihr abhandengekommen war, im Denken, Fühlen, Ausdrücken, Schreiben, alles war schwer gewesen, niedergedrückt, langsam, festgefahren, ernst, ohne Witz. Das Jahr war vergangen, ohne dass die Leichtigkeit zurückgekommen war.

Beim Hopsen und Hampeln wurde ihr klar, was diesmal ihr Jahreswort sein würde, nein, war. Schon war. Die ganze Zeit schon. Und sie hatte es nicht gesehen: Beweglichkeit. Sie freute sich darauf. Tanzen. Drehen und Hüpfen. Sich leicht bewegen zu können. Zutrauen in diesen Körper zu fassen. Wie ein Kind. Auf einem Bein. Lachend.

Sonntag, 21. Februar 2021

Zweite Haut.

Manchmal wünschte sie sich eine zweite Haut, für ein paar Stunden, einen Tag, eine Nacht. In eine fremde Haut schlüpfen, die ihr erlauben würde, das Leben einer Anderen zu führen.

Wie sah anderes Leben aus? Wenn sie abends durch die Straßen ging und in den Fenstern nach und nach die Lichter aufleuchteten wie in einem Adventskalender, wurde der Wunsch am stärksten.  

Die Wohnung oben im zweiten Stock des Eckhauses, mit ihrem gemütlichen, gelben Leuchten, das sie in ihren vier Wänden nie hinbekommen hatte, des idiotischen Kronleuchters wegen, der jahrelang viel zu hoch angebracht war und mit seinen funzligen Energiesparbirnen die Decke anstrahlte, während der Raum im Zwielicht absoff. Diese Wohnung dort oben mit dem warmen, goldenen Licht zog sie an.

Sie sehnte sich danach, dort zu sein, sich zwischen diesen Möbeln zu bewegen, von denen sie nur die oberen Fächer der mintgrünen Anrichte sehen konnte, Bücherregale, Pflanzen am Fenster und den kleinen Hund, der hinaussah. Ob er auf einer Sofalehne stand?

Wie es dort riechen würde? Nach scharfem Waschpulver, anderen Gewürzen, nach welchem Essen oder gar einem Raumparfum? Oder einfach nur nach den Menschen, die dort herumgingen? Sie schalt sich aus in Gedanken. Es würde nach Hund riechen, natürlich. Überall voller Haare sein.

Wie fühlt es sich an, so zu leben, dort, fragte sie sich, im Dunkel auf dem Platz gegenüber stehend, den Blick auf die Fenster gerichtet, eine gierige Stalkerin. Wie sehen die anderen Zimmer aus? Wie hell ist das Bad? Und wie klein die Küche? In welcher Farbe ist der Flur bemalt? Ob es Bilder gibt? Gewebte Stoffe an der Wand? Oder einen Schuhschrank und Hanteln unterm Bett? 

Wie riecht es im Treppenhaus? Gibt es einen Balkon hinten raus? Wie geht man in dieser Wohnung? Auf Socken? Oder in Straßenschuhen? 

Wie fühlen, denken, schmecken Menschen, die mit einer mintgrünen Anrichte leben, mit einem Hund und einem, irgendeinem, unbekannten Beruf? Reden sie mit ihren Pflanzen? Fahren sie morgens zur Arbeit oder gibt es ein homeoffice Arbeitszimmer? Sprechen sie noch miteinander? Gibt es Geschwister? Geliebte? Verlassene? Und wo sitzt die Angst? Schmerzen? Die Scham? In welche Schubladen werden die verleugneten, bösen, peinlichen Geschichten rüde ins Vergessen gestopft und springen doch wieder auf? Hilft der Hund gegen die Einsamkeit, wenn sie mit dem Geräusch von Gabelzinken auf Porzellan mit ihren Nägeln am Fenster kratzt und herein will? 

Oder waren sie glücklich? Gedankenlos froh, wenn der Hund morgens fiepte. Trugen Socken im Partnerlook und T Shirts mit Motto unter den gleichen witzigen Hoodies, so austauschbar, ach, so schön.

Und worüber lachten sie? Lachten sie miteinander? Oder lachte der Spott mit hochgezogenen Augenbrauen, die Lippe verzogen und schief. Wie schmeckte ihre Verstörung, ihr Ärger, ihr Zorn, wenn Einer Türen schlagend die Wohnung verließ, krachend aus dem Haus stürmte und kurz und verwirrt bellte der Hund.

 

Sie überquert den Platz, fängt die Haustür ab, ehe sie ins Schloss fallen kann, und betritt das Haus.


21.2.2021