Montag, 1. Juni 2026

abwesend sein

ich  wünsch mir                                                                                                                                              ein zweites paar ohren, die alleine herumspazieren, wenn ich arbeite-telefoniere und rede, oder schlafe, ein unterwegsiges ohrenpaar, das mir später zuhause allein all die geräuschgeschichten erzählt, die es erhört hat, von menschen und tieren, von vögeln und bäumen, vom fluss. 

ich wünsche mir keinen wischenden, aufmerksamkeit heischenden, meine abwesenheit rügenden zeigefinger vor meinem gesicht, wenn ich, wie oft in fremder umgebung, schweigsam und schauend auf einem stuhl, einer mauerkante, einem rasenstück in fremder umgebung sitze und einfach nur meine augen wandern lassen will und auf mein gegenüber oder mitreisende blöde, stierend und ärgerlich geistesabwesend wirke.  

alles aufnehmen will ich in mich, die menschen, die frau mit dem turban, das rollernde kind, die schlafenden babies im wagen, den Schwarzen im knielangen kaftan, bunt gefärbt und bestickt, die vögel, die auf dem nachbartisch krumen picken, die blumen im gegenlicht, wolkentürme überm kirchturmgeläut, fremde sprachen, einen neuen geruch (jede stadt riecht anders, klingt anders, eigen und für die bewohnenden unverwechselbar), menschen, die aus dem bus steigen oder auf den nächsten warten, 3-liter-kanister mit trinkwasser an zwei fingern tragend, eine nie gesehene käferart auf meinem brotrand, surrend gelandet, der duft frischen kaffees, heisser pommes mit fisch, matter dumpfiger mief vom nahen kanal, fremde nummernschilder an autos, arbeiter in ihrer pause in farbklecksigen latzhosen essend am langen tisch, die strassenschilder und namen der geschäfte, schornsteine, strassenbegleitgrün, so anderes als zuhause, ampeln.

diese wischende hand vor meinem alles auftrinkenden blick macht mich immer für einen atemzug lang unglaublich wütend, zerrt mich aus einem, trance nicht unähnlichen zustand, zurück in das "was machen wir nun? hast du genug ausgeruht, können wir weiter?" und zerreisst dieses innere netz aus empfindsamkeit-aufnehmen-wahrnehmen und komplett durchlässig-sein, das momente lang alles um mich her in verwobenheit und gleichzeitiger schwebe ggehalten  hat. unter dieser unwirsch vor meinem gesicht  wischenden hand kehre ich zögernd und unwillig zurück an dem gemeinsamen tisch, den geteilten mauervorsprung, spüre unter meinem hintern die harten latten des cafestuhls, die sandsteinmauer im rücken, meine blase, die voll ist und drückt. kehre zurück wie ein vogel von einem weiten befreienden flug in die enge eines verschlags. schüttle mein gefieder, beherrsche mich und lasse es nur ganz kurz zu, meiner unwilligkeit raum zu geben, diesen befreiten, schwebenden zustand verlassen zu müssen, der mich davongetragen hat, von dem ich mich immer wieder davontragen lassen werde, davon treiben, ohne ziel, ohne neugier oder frage, ohne wertung, nur schauen, aufnehmen, alle inneren filmrollen voll. unterbräche mich niemand, ich könnte stunden sitzen und schauen. und irgendwann aufstehn und gehen mit dem sanften befriedigenden gefühl vollkommener wohliger sattheit. 

so jedoch lande ich unwirsch, verberge mein ärgerlich sein, mein gestört, unterbrochen, zurückgeholt-sein-vor-der-zeit gefühl, will ich doch mein gegenüber nicht zu sehr verärgern, nein, sei ehrlich, will ich mich mit meinem gegenüber auf keine diskussion über meine geistesabwesenden flüge einlassen, die so alles andere als geistes abwesend sind. 

dennoch, diese vor meinem gesicht wischende hand, die so penetrant pädagogisch "hallo nicht stieren" "hey ich bin auch noch da" signalisiert, verursacht mir, landend, zurückkehrend, immer einen stich, wie einem kind, das sich erschrickt weil zu unrecht zurechtgewiesen findet und keine worte hat, sich zu wehren und zum sich erklären schon erst recht keine hat.

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ich möchte wie neulich feldwege entlanggehend grashalme zwischen den fingern nach oben hin  abstreifen, bis ich die samenstände in perfekter grüner rosette zwischen den fingerspitzen halten und in  die luft werfen kann.


Sonntag, 31. Mai 2026

traum ohr gekrächz

 in den  frühen morgenstunden  mit geräuschen  langsam aus dem schlaf hochgezogen werden.

dieses gefühl,  wenn deine ohren, dein  fühlen, erleben  eben noch in  einem lebhaften taum steckt und etwas dein gehör buchstäblich umschaltet von innen nach aussen.

die wahrnehmung im vergleich  zu der aus schlaf und  traum gleichsam spitzer wird, kälter vielleicht, klarer - nein, letzteres erst nach und nach, wenn sich der rest von  dir auch aus  den traumtiefen nach oben ziehen lässt.

 

erfolgt das nicht, hat das aussengeräusch-klang-sein weniger kraft, verebbt schnell, geht vorbei  oder wird sofort übersetzt und eingeordnet in bekannt (regen) oder ungefährlich (vögel), sinkt alles wieder nach innen-unten richtung traumebene, kehrt das ohr sich nach innen, in den traum, die verschlafenheit, sackt auf den grund, wird weich, unscharf, folgt dem schlafen, einmummeln, einigeln, dem kokon aus eigensein eigenspürung eigenbild eigensynapsengeflacker, eigenfilm.

 

doch wird  das draussen  spitzer,  hell,  fremd, beuruhigend, so taucht das ohr wieder auf, klappt nach aussen. "was ist los bei euch?",  denke ich,  rolle  träge auf den  rücken, um mit beiden ohren zu hören, hören zu können,  zuzuhören, verstehen vielleicht? ein gezeter von aufgebrachten krähen,  tschackernden  elstern pflanzt sich von baum zu baum. die einen antworten von weit  entfernt, die andern von nah, der mittelpunkt der gezeters, geschimpfes sitzt in den bäumen vor meinem fenster. ob alarm oder angriff oder verteidigungsmodus vermag ich nicht zu entziffern. höre nur das an und absteigen ihrer stimmen, das sich verlagert von den platanen im schulhof zu den nistbäumen über dem parkplatz, von den weiter entfernt stehenden linden beim schloss zetert krakeelt tschackert kraht antwort, sie gehen lange aufeinander oder vielleicht auch auf einen gemeinsamen feind los. auch die falken nisten ganz in der nähe. irgenwann ist ruhe und ich tauche wieder ab und ein in mein traumiversum.

 

am morgen am frühstückstisch frage ich die andern, habt ihr das  gehört? riesige  aufregung? wann? weiss nicht. noch nicht richtig hell. aber laut. die  anderen  haben es nicht gehört. oder geschlafen und die nach innen gekehrten ohren haben die draussenkrakeeler in den traum eingebaut, eingewoben, zum innen gemacht, beim aufwachen ist alles zerstoben. 

Mittwoch, 25. Februar 2026

moin

mein fahhradsattel   ist futsch. der  bügel der  sattel-auf-fahrradstange-halterung gebrochen. seit  tagen fahre ich schiefhintrig,  heute morgen dann  komplettes weggbrechen, der sattel macht  nen  90 grad twist und ich seufze, stelle das rad wieder in  den  hof. laufe.

an der ecke hindenburgstraße trägt eine junge frau ihren frühstückskafee (oder  tee) im gelben steingutbecher  mit weissen blümchen über  die strasse. wie  hübsch! kein silberner warmhaltepott oder plastewegschmeisstogo. nein. stilecht. frühlingshaft im graubedeckten nachtnachfeuchten morgen leuchtet es gelb. 

ein schulmädchen  rennt  den weg entlang, unförmige boots an dünnen schwarzbestrumpften beinen , tenniskniestrümpfe drüber, ein röckchen fliegt, sie rennt, es bimmelt schon, zwei ältere schüler traben den weg entlang, der bus  war zu spät. elterntaxis verstopfen  den gehweg, offene türen, offene kofferraumklappen.

oben kreisen  die krähen. brutsaison fängt bald an. die großen  nester in  den noch kahlen platanen  werden  ausgebessert, neu verteilt und lautstark verteidigt. 

 

Donnerstag, 27. November 2025

was würde geschehn

 

Nebelgeniesel, 7. November, 5  Grad, die Wege sind blätterfallgolden, wo sie noch nicht Matsch  sind. Ich berechne jeden Morgen den Bremsweg neu, um  nicht mit dem Rad auf die Schnauze zu fliegen. Die  Rabenkrähen auf  den Mobilfunkantennen quasseln  und kakeln  und fliegen Bäumchen wechsel Dich.  

Die Bettlerin vor dem Supermarkt  hat sich in sich gekauert, buchstäblich zusammengefaltet  auf ihre Tasche  gesetzt. In der Schale vor sich ein paar Münzen. 
Hast Du  ein Dach über dem Kopf, eine Dusche, ein Bett? Dein Haar glänzt gewaschen, Deine Augen sind stumpf. Ich versteh Deine Sprache  nicht, überlasse Dir Münzen.  

Wir treiben   wir treiben

Aufstehn,  Frühstück oder auch nicht, je nach Laune  und Magen, Kaffee, Zigarette oder lieber ein Smoothie? Mein Schwager schmiert Stullen mit Nutella,  um sie im Auto auf dem Weg zur Arbeit zu  mampfen. Ich klappe zwei Scheiben zusammen, brummt er. Nee Papa,  ruft hell seine Tochter. Vier.  Du klappst vier zusammen. Joo, stimmt, es sind vier. Aber Toastbrot zählt nicht. 

Wir  taumeln wir treiben

Hier hat mal Eine von Euch in  einem Text die Frage gestellt:  Bin ich jetzt erwachsen? Fühlt sich so erwachsen  sein an? Und es klang nach: Geht das jetzt immer so weiter?

Eine Freundin hat einen Fehler gemacht. Einen Fehler  aus Trauer und Liebe. Einen Fehler, der  sie nun, 3 Jahre später, 140.000 Euro ans Finanzamt  kosten  soll. Ein Betrag, den  sie  bis an ihr Lebensende  niemals zahlen  wird können.  
und  was jetzt? Privatinsolvenz? Mit Mitte 50?

Ein Bekannter aus  alten Tagen, der mir - zur Freude der Kinder anarchisch und wild - manchmal auf die Kinder aufgepasst hat, ist aus dem Thaddäusheim in eine ObdachlosenWG gezogen.  Glück gehabt, denke  ich, besser als Parkbank. Eine insolvenzbedrohte Freundin nimmt ihm maßlos übel,  dass er nicht weiterkämpft für eine eigene Wohnung, für einen Job. 

Wie nah  wir dem Absturz  sind, wie  wenig  uns trennt vor dem  Ende. Dem Ende der eig'nen  Beziehung, dem Ende des Mietvertrags, des Jobs, des Vertrauens, dem Gesundsein, dem Ende der Liebe des Lebens. 

Wir treiben    wir taumeln

Dieser Sommer hat es gut gemeint mit uns dieses Jahr, mit dieser Stadt, nur wenige Tropennächte, kein Erdrutsch in Finthen, keine Überflutung am Rhein,  kein tagelang endloser Regen. Und wir vergessen. Richten uns  ein.  Und vergessen die Anderen, die  es tagtäglich trifft, die  uns stündlich, minütlich in unsere strahlenden Rechtecke gespült werden, vergessen, dass sie echt sind, ihr Leben auf der  Kippe steht, hungrig, zerbombt oder weggespült, amputiert, heimatlos, Ernte zerstört wisch L'Oreal beutet Brasiliens Carnaubawachsbauern aus wisch eine Katze reitet auf einer Schildkröte wisch die nicht-to-do-liste für  den Monat November im  Garten wisch Sudan oder Gaza zerbombte zerstörte Städte von oben wisch  New  York  hat den ersten muslimischen Bügermeister wisch Fritze  Merz  passt  nicht in mein  Stadtbild wisch sieben Meerschweinchen auf einer Rutschbahn

Wir  trudeln wir treiben

tun alle Tage das  Gleiche, dazwischen ein Fest, ein  Besuch, noch ein Urlaub, kleinere Katastrophen, aber Hey, alles geht vorbei, Die Zeit heilt alle  Wunden, Es ist ja nur  Geld, Meine Frau wird befördert, der Kleine ist besser geworden in Mathe,  der Kollege noch immer ein egoistischer Arsch

wir trudeln wir treiben

Wird uns schon nicht treffen, Augen zu und durch, Wird schon nicht so schlimm, Warmzeiten hat es schon immer gegeben, Der E SUV wird erst im Januar geliefert, wir  bauen uns jetzt eine Wärmepumpe ein  und ihr?

Wir haben eine Mieterhöhung bekommen und mit der Rente, dem Job und ohne den Zuschuss  der Schwiegermutter können wir sie nicht mehr zahlen. Meine  Schwester hat Krebs und ein Freund liegt im  Sterben. 
 
Die Bettlerin  vor dem Supermarkt  hat  sich in  sich gekauert, buchstäblich zusammengefaltet  auf ihre Tasche  gesetzt. In der Schale vor sich ein paar Münzen. 
Hast Du  ein Dach über dem Kopf, eine Dusche, ein Bett? Dein Haar glänzt gewaschen, Deine Augen sind stumpf. Ich versteh Deine Sprache  nicht.
Was würde geschehn, wenn  ich sage,  komm, lass  uns essen, ich lade dich ein, Suppe, geröstetes  Brot, etwas Warmes im Bauch, ums Teeglas die Hände. 

Wir erzähl'n uns Geschichten. Sie müssen nicht wahr sein. 

7.-9.11.2025
 
Gelesen beim Open Stage Altstadtgeflüster im November. 
 
copyright  definitiv und einzig  bei mir! 
 
 
 

Dienstag, 21. Oktober 2025

bitterkraut

 das  mit der kontinuität hat ja nun  echt nicht  hingehauen. 

try it again.

der job entwickelt, jahreszeitbedingt, auffressende ausmaße.  

heute  am mittag gehe ich raus. ein bisschen sonne  trinken  schlürfen  aufsaugen wie ein schwamm, geizig in   mir verwahren. nun muss  ich warten bis zum wochenende auf die kurzen stunden, die die sonne es über die häuserrücken schafft,  in meine küche scheint, auf den balkon. geizig hortend sitze ich dann  draussen, stricke, blinzele ins licht oder werkle in der küche, lasse mir füße wärmen, rücken oder schultzern, seufze  den letzten sonnenstrahlen nach. hadere  mit  diesen  wochen bis wintersonnwend und  bis  in den februar, die ich unter der woche  nie zu  den  zeiten zuhause  sein kann, zu  denen die sonne in die  fenster scheint.

sammle blätter, lichtes gold, funkelndes orangerot, grünfleckiges karmin. 

pflücke die leuchtend  gelben knöpfchen des rainfarn, die noch am bahndamm blühen. duftendes bitterkraut. läusemittel. wurmsud. oder  leibesfrucht abgehen lassend. ich weiss um seine giftigkeit, doch ich mag den bitterduft. weniger  eindeutig bitter  als salbei. würziger. als sei schafgarbe  im spiel. muskat.

sein gelb. leuchten im dunkelgrün.  

Donnerstag, 2. Oktober 2025

Guten Morgen

 Ich radle Richtung Nordwest

Vor mir flammen Fenster auf

Stück um Stück in Brand gesetzt von Licht

Hinter mir die Sonne

Ein Keil aus 16 Gänsen zieht über meinen Weg

Krähen leuchten kupferfarben auf

 

Guten Morgen 

Dienstag, 30. September 2025

Schön und scheusslich

 Sonntag mit Sonne. Der Mann ningelt, "lass unterwegs sein". 

Am Tag vorher waren wir zu einer Totholzführung im OberOlmer Wald angemeldet. Jedoch: Demo, Strassensperrung, Busverspätung, schliesslich liefen wir von der Bushalte wieder heim, weil wir nie und nimmer auch nur halbwegs pünktlich hätten dort sein können.

Nun also Sonntag. "Lass uns doch zum OberOlmer Wald fahren", schlage ich vor. "Vielleicht klappts ja heut." Spoiler: Nö. 

Die Verbindungsauskunft der app stimmte nicht annähernd mit den Angaben der Bushalte und Umstiege vor Ort überein. Schließlich standen wir ohne Anschluss halbwegs in der Pampa. 

Und stiefelten ein paar wundervolle sonnige Stunden in den Streuobstwiesen um die Alte Ziegelei herum,  (be-)suchten unsere alte Gartenanlage, sammelten Dotzäpfel und Nüsse, zockelten gen Hechtsheim, galoppierten gegen abend zum Bus und rumpelten glücklich heim. 

Dachten wir. Bis zum Aussteigen. Zerr und schnapp, sagte die Sehne an der Hüftprothese und die nächsten Stunden und Tage waren Humpeln, Ibu, Bettflasche, fluchen. Hässlich. Schmerzhaft. 

 

Heute ist wieder gut.