Sonntag, 21. Februar 2021

Zweite Haut.

Manchmal wünschte sie sich eine zweite Haut, für ein paar Stunden, einen Tag, eine Nacht. In eine fremde Haut schlüpfen, die ihr erlauben würde, das Leben einer Anderen zu führen.

Wie sah anderes Leben aus? Wenn sie abends durch die Straßen ging und in den Fenstern nach und nach die Lichter aufleuchteten wie in einem Adventskalender, wurde der Wunsch am stärksten.  

Die Wohnung oben im zweiten Stock des Eckhauses, mit ihrem gemütlichen, gelben Leuchten, das sie in ihren vier Wänden nie hinbekommen hatte, des idiotischen Kronleuchters wegen, der jahrelang viel zu hoch angebracht war und mit seinen funzligen Energiesparbirnen die Decke anstrahlte, während der Raum im Zwielicht absoff. Diese Wohnung dort oben mit dem warmen, goldenen Licht zog sie an.

Sie sehnte sich danach, dort zu sein, sich zwischen diesen Möbeln zu bewegen, von denen sie nur die oberen Fächer der mintgrünen Anrichte sehen konnte, Bücherregale, Pflanzen am Fenster und den kleinen Hund, der hinaussah. Ob er auf einer Sofalehne stand?

Wie es dort riechen würde? Nach scharfem Waschpulver, anderen Gewürzen, nach welchem Essen oder gar einem Raumparfum? Oder einfach nur nach den Menschen, die dort herumgingen? Sie schalt sich aus in Gedanken. Es würde nach Hund riechen, natürlich. Überall voller Haare sein.

Wie fühlt es sich an, so zu leben, dort, fragte sie sich, im Dunkel auf dem Platz gegenüber stehend, den Blick auf die Fenster gerichtet, eine gierige Stalkerin. Wie sehen die anderen Zimmer aus? Wie hell ist das Bad? Und wie klein die Küche? In welcher Farbe ist der Flur bemalt? Ob es Bilder gibt? Gewebte Stoffe an der Wand? Oder einen Schuhschrank und Hanteln unterm Bett? 

Wie riecht es im Treppenhaus? Gibt es einen Balkon hinten raus? Wie geht man in dieser Wohnung? Auf Socken? Oder in Straßenschuhen? 

Wie fühlen, denken, schmecken Menschen, die mit einer mintgrünen Anrichte leben, mit einem Hund und einem, irgendeinem, unbekannten Beruf? Reden sie mit ihren Pflanzen? Fahren sie morgens zur Arbeit oder gibt es ein homeoffice Arbeitszimmer? Sprechen sie noch miteinander? Gibt es Geschwister? Geliebte? Verlassene? Und wo sitzt die Angst? Schmerzen? Die Scham? In welche Schubladen werden die verleugneten, bösen, peinlichen Geschichten rüde ins Vergessen gestopft und springen doch wieder auf? Hilft der Hund gegen die Einsamkeit, wenn sie mit dem Geräusch von Gabelzinken auf Porzellan mit ihren Nägeln am Fenster kratzt und herein will? 

Oder waren sie glücklich? Gedankenlos froh, wenn der Hund morgens fiepte. Trugen Socken im Partnerlook und T Shirts mit Motto unter den gleichen witzigen Hoodies, so austauschbar, ach, so schön.

Und worüber lachten sie? Lachten sie miteinander? Oder lachte der Spott mit hochgezogenen Augenbrauen, die Lippe verzogen und schief. Wie schmeckte ihre Verstörung, ihr Ärger, ihr Zorn, wenn Einer Türen schlagend die Wohnung verließ, krachend aus dem Haus stürmte und kurz und verwirrt bellte der Hund.

 

Sie überquert den Platz, fängt die Haustür ab, ehe sie ins Schloss fallen kann, und betritt das Haus.


21.2.2021

 

Samstag, 20. Februar 2021

Vermischtes. Hanau. Kochen. Garten.

Am 19. Februar 2020 wurden neun Menschen von einem rassistischen Terroristen in Hanau erschossen. 

Wir trauern um Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velko.

Esra Karakaya führte ein langes Gespräch mit Mohamed Amjahid und Çetin Gültekin, Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin: Wie werden die Angehörigen von Staat, Polizei und der Stadt Hanau unterstützt? Wie gehen die Medien mit dem Terroranschlag um? Warum funktioniert der Hanauer Notruf immer noch nicht und wie kann es überhaupt sein, dass der Notausgang der Arena Bar auf Anweisung der Polizei verriegelt wurde? Und wo – THE F*CK – bleiben eigentlich die Aufklärung und die Konsequenzen daraus?! Zitat aus Karakayatalk. Nachzuhören auf Karakayatalk.    Bitte hören, aushalten und teilen.

Mein großer tiefer Dank an Esra für diese Sendung.

Beschämend, traurig, bitter.  Und nein, #HanauwarkeinEinzelfall und #Hanauistüberall. 

Ich bin betroffen, zornig, enttäuscht. Und beschämt. 

Unsere Zivilgesellschaft, WIR Alle müssen zusammenstehen, dass die Rechten, die Islamhasser, die Rassisten, und all die, die sie willentlich und wissentlich unterstützen, in Behörden, bei der Polizei, in Parteien, beim Verfassungsschutz, verdammt noch mal damit nicht durchkommen. Und wir alle müssen uns überall dann an die Nase fassen, wenn wir Vorurteile und Stereotype wiederholen, glauben, ihnen aufsitzen, nicht hinterfragen, nicht halt, stop, nein, so nicht rufen.  

Wie kann es sein, dass Waffenscheine bekannt rechtsextremer rassistischer Personen nicht umgehend entzogen und die Waffen eingezogen werden?

Wie kann es sein, dass im Gegenteil  seit 2020 derart viel Waffenscheine neu ausgestellt worden sind?! Wer zum Teufel noch mal stellt sich da systematisch blind? 

Wie kann es sein, dass der hessische Opferhilfsfond statt für die Opfer rechtsextremer rassistischer Gewalt nun für alle Opfer von Gewalttaten gelten soll und damit die Opferfamilien von Hanau in eine unwürdige Opferkonkurrenz zu Opfern sämtlicher Straftaten zwingt? Quelle

Wie kann es sein, dass es heute 1 Jahr nach Hanau, nach den Aufklärungsdesaster der NSU Morde, nach dem Aufdecken rechtsextremer Seilschaften in Kreisen der Polizei und des Verfassungsschutzes, immer noch keine unabhängige externe Überwachungsstelle für genau diese Behörden und Vorfälle existiert?  

Wie kann es sein, dass Jedermensch in diesem Land weiss, dass wir systemimmanenten Rassismus haben, aber Seehofer mit der Ablehnung einer Studie über Rassismus und Rechtsextremismus bei der Polizei durchkommt?  

Oh mann. man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte. 

*  *  *  *  * 

Das war jetzt keine schlaue Überleitung, wenn ich jetzt auf ein Achtung 180°Schwenk anderes Thema segle.

Der Göttergatte tut den Wunsch nach Grünkernbratlingen kund. Ich grabe die Küche um bis in die dritte Reihe der Vorratsgläser. Der vorhandene Grünkern ist gut 5 Jahre alt und riecht definiert ranzig. Das Grünkernmehl  dito. Der Buchweizen steht dem in Scheusslichkeit nichts nach.  (3 Jahre überm MHD) Oh Mann, ich müsste öfter die dritte Reihe durchchecken, was?! Ärger. Was nun? Hirse ist da. Bisher war ich ja kein großer Hirsefan, das Zeug mag Sohn 1, der sich gerne Hirsebrei kocht. Ich fand Hirse immer, naja, bröselig, trocken, manchmal hart, langweilig. 

Tjaaaa, wenn man den Kram aber entsprechend dopt mit all den Gewürzen, den diese meine Küche bekanntermaßen hergibt, dann werden Hirsefrikadellen saulecker!

Hirse in Brühe aufkochen und quellen lassen. Abkühlen. In eine Schüssel kippen. 1 kleine Zucchini grob raffeln. Dazukippen. 100 g Ziegenkäsefrischkäserollen reinkrümeln. (Im Nachinein sage ich, es hätten 200 g drangekommt.) 1 große Zwiebel und 2 große Knofelzehen feingehackt anschmoren. Dazu. 2 Möhren grob raffeln, anschmoren, dazu. Würzen: Pfeffer, Salz, Majoran, Kräuter der Provence, Muskat, so weit, so normal.

Und jetzt das Doping: Raz el Hanout, Galgant, Chillie, geräuchertes Paprikapulver (obergeil, ich sags Euch) und 2 rohe Eier. 

Im übriggebliebenen Kreppelfett von letztem Sonntag (Kokosöl und Distelöl) anbraten. Achtung, krümelt beim Wenden. Wird mir fast aus der Pfanne gemampft. Sogar von den Familiennasen, die bei Zucchini seeehr hochgezogene Augenbrauen bekommen und lange Zähne. 

Machen wir jetzt öfter, glaube ich. Bis wieder wer Grünkernschrot mitbringt. Der kommt dann aber in die erste Reihe....

*  *  *  *  *  * 

Der Frühling kriegt plötzlich Schluckauf und explodiert, mich brummsummseln die Holzbienen fast über den Haufen, zum Glück sind sie soo laut, dass ich ausweichen kann, die Küchentür steht den halben Tag offen, der Göga rennt ein paar Stunden barfuß und in kurzen Hosen in der Wohnung rum (Spinner), Sohn 2 stellt sich in die Küche und bäckt Nussecken, die Tulpen auf dem Balkon sind schon 4 cm hoch, im Garten hat der Kerbel Schnee und Frost überstanden und steht wie ein grünes Spitzendeckchen im Kompost und die Schneeglöckchen blühen!

Danke an wen auch immer, der die dahin geschleppt, vergraben oder ausgesäät hat. 

Garten ist Wundertüte. Jedes Jahr. Hachz. 

Treibt's bunt.
 


Dienstag, 16. Februar 2021

Februar!!

Ich bin februargeboren. Was mir in den Knochen steckt. Aszendent zunehmender Mond oder so... Nichts schöner, als dem steigenden Licht zuzuschauen. Mittags, so ab halb zwei, eine knappe Stunde Brüllsonne in der Küche. Ich knurre Jeden an, der mich in den Schatten stellt. Nachmittags um vier, halb fünf reflektiert sie gekonnt von den rückseitigen Fenstern der Rheinalleebebauung direkt in mein Zimmer! 20 Minuten. Hachz. Danach ist der Tag sonnenlichtmäßig gelaufen.  Bis sie es morgens über das Schulgebäude schafft und durch mein Bücherregal wandert, dauert noch anderthalb Monate. 

Montag früh strahlte der Himmel feurig. Ich liess den Schreibtisch Schreibtisch sein, schlüpfte in Eisbärjacke und dicke Schuhe. Nichts wie raus, Sonnenaufgang gucken. Verarscht. Ts. Erst ein Himmel in Flammen, dann ein graues Wolkenband, hinter dem sie sich umzog, um eine dreiviertelstunde Stunde später blassweiss verhangen irgendwo oben herumzublinzeln. Ts. Gemeinheit.  

Aber die Sonnenuntergänge am Rhein! Weiter Himmel, spektakuläre Wolken, reflektierende Lampen im Wasser, Gestolper über Treibgut, angefrorene Hochwasserrestmatsche, rabazzende Möwenschwärme, die sich um Brotreste balgen, dass die Federn fliegen, der Bettelschwan vom kasteller Ufer.

Strohrum und Stützfrikadellen

Herr Buddenbohm hat mich mit dem Weckwort Rummeroma und seiner Stützschokolade schlagartig ins Erinnern katapultiert. Rumaroma. Gab's bei uns nie. Aber Strohrum, den Oma jeden Sommer von ihrem südtiroler Wanderurlaub mitbrachte. Sie starb 2003. Eine Flasche von dem Zeug haben wir noch. Strohrum. 80%. Pure Chemie mit Zuckerkulör. Bah. 

Kam in Kirschenmichel oder Apfelmichel, Rosinen und Korinthen für den Weihnachtsstollen wurden darin eingelegt, ein Schluck in alle Kuchenteige, weil "der hilft aufgehen".  Im Winter Tee mit Rum. Die Erinnerung an den Geruch reicht und ich stehe in der niedrigen Küche, gestrichen in helltürkis, am großen Tisch mit seiner Wachstuchdecke, in die ich an langweiligen mach-deine-Hausaufgaben-Nachmittagen mit den Gabelzinken Löcher piekte, brav dem aufgedruckten Kreuzstichmuster nach. (So spitzige Gabeln gibt's heute nicht mehr. Gefährdung des Kindeswohls...) Meine kleine Oma wuselte, rührte Kuchenteig, schlug Eischnee mit den Schneerädchen*, ich drehte auch ne Weile, aber ihre Ausdauer hatte ich nicht. Am Spülstein nur fliessend kalt Wasser. Nescafe mit Kabapulver gemischt für's Kind. Oma mischte Pils mit Malzbier. Sie mochte es auch lieber süß.

Stützschokolade ist ein wundervoll assoziativer Begriff. Kann ich bestens nachvollziehen. Sind bei mir Stützkekse. Ich brauchs knirschend, knurspelnd, krachend. 

Als ich Kind war, wären es eher Stützfrikadellen gewesen. Und zwar Freitag nachmittags. Mutter kam freitags am frühen Nachmittag heim, fertig nach einer Knochenwoche in einem Männerberuf. Kochen? Bloß nicht! Ab ins Auto und zum Strebel, der hatte Hähnchen am Grill und heisse Frikadellen. Bezahlt, Tüten genommen und zurück ins Auto. Eine Tüte gleich auf den Schoß. Aufmachen. Der Geruch! Boah. Dass der Magen noch lauter knurrt. Die Stützfrikadelle. Mundverbrennend heiss im blassen Brötchen. 

Würd ich jetzt auch eine essen. 

 

*Schneerädchen: oben Kurbel und Griff, mittig Zahnrad, unten ein Schlägerpaar. Simple Mechanik für Sahne und Eischnee

Donnerstag, 21. Januar 2021

wo rollt der halbe kopf vom mond?

wo rollt der halbe kopf vom mond?

der mond hat seinen halben kopf verloren
und die scherenschnitte der bäume winken
im strassenlampenlicht
eine späte ratte wuselt über'n schulhof
schlechte zeiten
bei distanzunterricht bleiben die mülltonnen leer
dein schwarzer hund wedelt um meine beine
und die müdigkeit wohnt lange hier

wir stehen an den fenstern
schauen in die nacht
in pfützen rollt der halbe kopf vom mond
wer hat ihn glatt entzweigehau'n?
am offnen fenster wird es kalt
lass schlafen gehn
lass schlafen gehn
lass schlafen gehn
lass gehn
im regen

21.1.2021



Mittwoch, 20. Januar 2021

bau mir eine wiege aus einem wort

bau mir eine wiege aus einem wort
eine hängematte aus atem
flüstern kleidet mich ein
ein weites tuch aus abgelegten vergessenen silben
schillernd
und darunter

ein kleid aus verführung

gib mir eine woge aus worten
grün gläsern blau schaumig gekräuselt und donnernd
an die felsen deiner hartherzigkeit

ich bin eine hülle aus namen
gewebt für das empfindlichste
unter uns
zärter als hauchdünnes glas
verletzlich wie die haut eines neugeborenen

gib mir eine rüstung aus knurren gekeife gezänk
beinschienen aus hass und einen helm aus gebrüll
zu donnern gegen die feinde
sie an die wand zu nageln, zu boden zu werfen, bis sie
zerknirscht
den sand ihrer toten argumente ausspucken
und zu kreuze kriechen

wir legen schlingen aus jauchzen und locken
streuen gurrende silben
gehen uns gegenseitig in die fallen, auf den leim, kleben
aneinander
und tönen aus geteiltem mund

bis der mond
das schweigen
übernimmt.


(c) 20.1.2021

Sonntag, 17. Januar 2021

Endlich Schnee

In der Nacht schon stehe ich mit dem jüngeren Kind auf dem Balkon und wir hören dem Flüstern des Schnees zu. Nachts gegen dreiviertel eins, stehe ich mit Aprikosenmarmeladebrot und einer Tasse Tee an der offenen Balkontür und genieße die Schneeluft. 

Sogar die Brause der Gießkanne hat ein Schneehäubchen und er ist in meinen Schnittlauch geweht.





 

Morgens stehe ich in Socken (bah ist das kalt) auf dem Balkon und mache die ersten Fotos. Schnee ist so rar bei uns. Ich möchte ihn festhalten. 

Im EG ist niemand zuhause, wie schön, nur Vogelspuren, die niemand zertrampelt. 



Badewanne zugefroren. 


Mein Glücksgott sieht im Schnee immer so glücklich aus. 



Später machen wir uns auf zu einem Schneespaziergang. 




und sie schüttelt ihr güldenes Haupt

... Korkenzieherweide

Schneefrau
Schneekind


Dachgartenzwergwäldchen



Gras streicheln


Jetzt regnets schon wieder und die Pracht ist dahin. 

Soifz. 

Gute Nacht.