Manchmal wünschte sie sich eine zweite Haut, für ein paar Stunden, einen Tag, eine Nacht. In eine fremde Haut schlüpfen, die ihr erlauben würde, das Leben einer Anderen zu führen.
Wie sah anderes Leben aus? Wenn sie abends durch die Straßen ging und in den Fenstern nach und nach die Lichter aufleuchteten wie in einem Adventskalender, wurde der Wunsch am stärksten.
Die Wohnung oben im zweiten Stock des Eckhauses, mit ihrem gemütlichen, gelben Leuchten, das sie in ihren vier Wänden nie hinbekommen hatte, des idiotischen Kronleuchters wegen, der jahrelang viel zu hoch angebracht war und mit seinen funzligen Energiesparbirnen die Decke anstrahlte, während der Raum im Zwielicht absoff. Diese Wohnung dort oben mit dem warmen, goldenen Licht zog sie an.
Sie sehnte sich danach, dort zu sein, sich zwischen diesen Möbeln zu bewegen, von denen sie nur die oberen Fächer der mintgrünen Anrichte sehen konnte, Bücherregale, Pflanzen am Fenster und den kleinen Hund, der hinaussah. Ob er auf einer Sofalehne stand?
Wie es dort riechen würde? Nach scharfem Waschpulver, anderen Gewürzen, nach welchem Essen oder gar einem Raumparfum? Oder einfach nur nach den Menschen, die dort herumgingen? Sie schalt sich aus in Gedanken. Es würde nach Hund riechen, natürlich. Überall voller Haare sein.
Wie fühlt es sich an, so zu leben, dort, fragte sie sich, im Dunkel auf dem Platz gegenüber stehend, den Blick auf die Fenster gerichtet, eine gierige Stalkerin. Wie sehen die anderen Zimmer aus? Wie hell ist das Bad? Und wie klein die Küche? In welcher Farbe ist der Flur bemalt? Ob es Bilder gibt? Gewebte Stoffe an der Wand? Oder einen Schuhschrank und Hanteln unterm Bett?
Wie riecht es im Treppenhaus? Gibt es einen Balkon hinten raus? Wie geht man in dieser Wohnung? Auf Socken? Oder in Straßenschuhen?
Wie fühlen, denken, schmecken Menschen, die mit einer mintgrünen Anrichte leben, mit einem Hund und einem, irgendeinem, unbekannten Beruf? Reden sie mit ihren Pflanzen? Fahren sie morgens zur Arbeit oder gibt es ein homeoffice Arbeitszimmer? Sprechen sie noch miteinander? Gibt es Geschwister? Geliebte? Verlassene? Und wo sitzt die Angst? Schmerzen? Die Scham? In welche Schubladen werden die verleugneten, bösen, peinlichen Geschichten rüde ins Vergessen gestopft und springen doch wieder auf? Hilft der Hund gegen die Einsamkeit, wenn sie mit dem Geräusch von Gabelzinken auf Porzellan mit ihren Nägeln am Fenster kratzt und herein will?
Oder waren sie glücklich? Gedankenlos froh, wenn der Hund morgens fiepte. Trugen Socken im Partnerlook und T Shirts mit Motto unter den gleichen witzigen Hoodies, so austauschbar, ach, so schön.
Und worüber lachten sie? Lachten sie miteinander? Oder lachte der Spott mit hochgezogenen Augenbrauen, die Lippe verzogen und schief. Wie schmeckte ihre Verstörung, ihr Ärger, ihr Zorn, wenn Einer Türen schlagend die Wohnung verließ, krachend aus dem Haus stürmte und kurz und verwirrt bellte der Hund.
Sie überquert den Platz, fängt die Haustür ab, ehe sie ins Schloss fallen kann, und betritt das Haus.
21.2.2021