ich bin der fluss, der sich in seine mitte zurückzieht,
an den rändern gerahmt von steinen, schlammgebacken, abfallbesetzt, das stille wasser mit kreisen, wenn am morgen die fische schnappen nach fliegen.
ich bin der reiher reglos auf treibholz, das auf sandbänken im flussbett gestrandet.
die handvoll tote wespen bin ich, gefangen, müde geschwirrt und herabgefallen vorm innern der scheibe und die ameisen auch, glänzende kommata, aschekrümelig hingestreut um den eingang des baus.
ich bin ackerland grau verdorrt, verkümmerte feldfrucht, lebloser boden, nicht einmal heuhüpfer, schaben nicht, keine grillen im giftstaub aufgegebener erde.
deine hummeln bin ich, nektar sammelnd im ochsenzungenbusch,
pollenbepudert schlafend in eibischblüten, sterbende flauschpelzchen am boden deines balkons.
mich umgibt der beissende gestank toter ratten am ufer, gärender hundekackbeutel, bauchoben treibender fische im algenverschleimten, köchelnden teich, der sich bloßlegt, tag für tag tiefer sein inneres zeigt, sterbend, faulend und blasig.
ich bin der alte unter dem dach, durstig und hungrig nach kühle. der abend findet ihn mit offenem mund, mit milchigem blick aus augen von hitze gekocht, blauschillernd liegt er, fliegenumschwärmt.
ich bin die bettelnde, die am springbrunnen trinkt mit den hunden,
die familie, die ihren hof hinter sich lässt, alles verloren, vertrocknet.
es gibt keine ernte mehr, kein wasser, kein brot, keine früchte.
die vögel sind schon davon, hier finden sie nichts mehr.
ich bin die hitze, die euch ausglüht und schmiedet zu tod, knochenweiss.
am horizont brennt der wald.
eva becker 12. august 2022
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Freitag, 12. August 2022
am horizont brennt der wald
Sonntag, 19. Juni 2022
Garten...
gelb und die götter des fastfood. work in progress
Serviettengirlanden und leere Pappschalen säumen den Weg zum Altar. Ich ziele Kleingeld in einen hingehaltenen Becher. Ob ich den richtigen getroffen habe?
Die Neonröhren blinken hektisch und gehen aus. Erst im Dunkeln wage ich mich auf die Straße. Stoßstange über Stoßstange tanze ich zur anderen Seite, die duftende Tüte an die Brust gepresst, meine weit ausgebreiteten Nasenflügel halten den Schädelballon senkrecht. Ich sabbere.
| 19.6.22 | nicht nur, aber auch, für Marina | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Heute nicht
Die Sonne rollt ihr Rad
und seine Speichen werfen rote Schatten.
Schüchterner Regen tupft Petrichor auf den Asphalt,
doch unter den Bäumen bleibt es staubig und grau.
Hinter meiner Stirne nistet der Vogel Müdigkeit.
Die Schlangen Traum und Schlaf legen goldene Augen auf meine Lider.
Gekost, gewiegt, behütet
lass ich den Tag ziehn.
23.05.2022
Dienstag, 17. Mai 2022
Teewurst
Verdammt,
jetzt hatte er doch nicht aufgepasst und die Metzgersfrau hatte ihm
falsch rausgegeben. Das würde wieder Geschrei geben zuhause. "Du passt
nie auf! Verdammt, wir haben doch sowieso kaum Geld, dann schenkst Du es
noch dieser geizigen alten Kuh, die immer die Kinder beduppt! Ihre
Mutter hat mich schon beduppt, als ich noch klein war und einkaufen
musste. Kannst Du nicht aufpassen?!" und sie würde ihm eine Kopfnuss
geben und das Portemonnaie westlich östlich um und um wenden in der
Hoffnung, dass sich doch noch ein paar Münzen in den Falten versteckten.
Die Teewurst, die er so gerne aß, würde er trotzdem bekommen. Aber
schmecken würde sie nicht. Drei Tage schlechte Laune, weil das Geld
alle war und sie kaum noch Milch hatten und seine Mutter die Zigaretten
zählen musste, bis das nächste Gehalt kam.
mond scheinwerferhell
oh mann. der mond warf schlaglichtstreifen in die küche. mara rieb sich die augen. "der mond macht nen krach!" hatte ihre mutter immer gesagt, wenn er scheinwerferhell in die küche schien. sie liess ihren rucksack und die drei taschen fallen, ging zurück in den flur, schloss die wohnungstür und schaltete das licht an.
himmel bin ich müde, dachte sie und rieb sich wieder die augen. sie waren nach den zig stunden zugfahrt im stehen, auf dem boden sitzen, am rucksack gelehnt dösen rauh wie mit sand gefüllt. beamen wäre schön gewesen 'scotty beam mich heim', hatte sie nach den ersten stunden im völlig überfüllten ic gedacht, beamen, dass wir diese superkraft noch nicht erfunden haben. ts. aber sie hatte ja nicht fliegen wollen. war schon klar, dass der ic von hamburg runter voll sein würde am fronleichnamswochenende. aber so voll! und die regulierung der klimaanlage kaputt! das ding hatte den ganzen zug runtergekühlt bis ihre schultern eiskalt waren und die augen brannten.
sie betrat wieder die küche, trank ein glas wasser, schaute
sich um. iiih, eine spinne saß in der spüle. mara hatte keinen nerv,
keine geduld, sie mit becher und karte herauszufischen und auf dem
balkon in die pflanzen zu setzen. ich spendier dir eine schiffsreise
dachte sie, drehte den heisswasserhahn auf, gab spüli in den strudel und
ließ das wasser so lange laufen, bis die spinne ganz sicher ganz
sicher weg war und die balkontür beschlagen vom dampf. schuldbewusst
drehte sie den hahn wieder zu.
den kopf an die wand gelehnt, sah sie
in den mond und flüsterte leise ihre songline "darkness, take me in your
arms, cover all my fear and trouble, darkness, come and hold me tight,
let me dreamless sleep this night." die aufnahmen im hamburger studio
waren im kasten, sie war wieder zuhause und morgen - maren schüttelte
den kopf. denk nicht an morgen. denk nicht an maulige zickige
schulkinder, die genauso miese montagmorgenlaune haben werden wie du.
schlaf.
danke an mehrnousch für die reizwörter mond superkraft darkness schiffsreise fliegen
wer mitschreiben will, hier der link: https://www.instagram.com/p/CdiJKx2OD2v/
mitmachaktion, noch bis 31.5.22
Dienstag, 10. Mai 2022
leselisten
sitzen und lesen und mir die tränen vom gesicht wischen, weil die geschichte so packend ist, so tief, so trifft.
und so gut geschrieben ist.
Patricia MacLachlan: Schere, Stein, Papier. Hanser Verlag.
eine familie, ein findelkind, ein winter, ein verstorbener bruder, das alles erzählt aus kindersicht.
ich lese geniesse durchdringe schlucke schmecke alle ihre sätze, es ist kein kein wort zuviel (danke Hanna Johansen für die traumwandlerisch wunderbare übersetzung!) kein rückblenden, keine verschwendung, keine wortschrauben, satzschleifen, nein. pur. verschlankt aufs wesentliche. nur das wesentliche. jedes kapitel klar durcherzählt. ein bogen, eine linie, ein atem. (wieviel hat sie wohl gestrichen? frage ich mich)
ich bin hingerissen.
und ich weiss, ich weiss, verdammt, ich möchte schreiben. ich möchte nicht noch einen malkurs, nicht noch ein letterjournal (es ist schön mit gelb zu spielen, es ist eine herausforderung, aber es ist, eva sei ehrlich, es ist prokratstination vom feinsten) ich möchte schreiben. in stimmungen tauchen, in worten graben, in töne sinken, in gerüchen baden, ich möchte meine verknappten verkürzten noch mal und noch mal reduzierten gedichte lernen aufzumachen, zu öffnen für mehr, für eine erzählung, für "prosa mit dem hang zum zeilenumbruch" (danke marko tschírpke, diesen satz liebe ich) für einen faden, für etwas, das es wert ist, erzählt zu werden. ich muss es nur noch er.finden.
ich habe nun mit patricia maclachlan wieder eine autorin gefunden, deren handwerk mich so begeistert, mich so satz für satz zerlegen, geniessen und wieder zusammensetzen lässt mit der staunenden begeisterten bewundernden erkenntnis, es ist wahrlich kein wort zuviel und jedes am richtigen ort.
"takeshis haut" von lucy fricke hat mich beim ersten wie beim wieder und wieder lesen genauso gepackt, ich spüre das sirren im innern der hauptfigur, ihre gefühlsverwirrnis, das im tiefst inneren berührt, aus der bahn geworfen, ausgeliefert durchgerüttelt sein. und der einstieg in den beruf einer geräuschemacherin ist einfach faszinierend.
ulla-lena lundbergs "eis" hat mich wieder anders erwischt, ihre sezierende fähigkeit all die kleinen unterdrückten, versteckten, geheimen, schamhaften, widerstreitenden gefühle der menschen, die im miteinander umgehen / umgehen müssen entstehen, auftauchen, zuschlagen, einem heiss werden lassen, wütend, verlegen, ertappt, verletzt, peinlich berührt, ich habe sie noch nie zuvor auf diese schonungslos klare weise ausgesprochen, beschrieben, erzählt gelesen. und nicht zuletzt die worte des alten an den pfarrer "hier leben kräfte, die waren schon alt, als jesus noch ein kind war "(das ist jetzt unscharf aus dem kopf wiedergegeben, ich habe das buch nicht hier) - das hat einen ton in mir zum beben gebracht, von dem ich nichts wusste.
frauen. immer wieder frauen, die mit einer solchen klarheit erzählen, ohne schwulst und pomp, ohne gelaber, ohne wertung. stimmt das? ohne wertung? es geht mir eben beim schreiben durch den kopf und ich frage mich, ob der satz stimmt, doch, ich glaube er stimmt. sie beurteilen, verurteilen, kategorisieren ihre figuren nicht. sie lassen den figuren raum und zeit sich zu entwickeln, zu SEIN. sie geben raum.
sie sind alle drei auf ihre art betrachterinnen von aussen (auch wenn es um intimstes geht!) und ich habe bei allen dreien das gefühl, die autorinnen haben schreibend ihren figuren raum gegeben, sich zu entfalten, verhalten, verändern und die autorinnen haben sich auf dieses sich entfaltende eigenleben ihrer figuren eingelassen. (was nicht selbstverständlich ist, glaube ich. dem eigenleben einer fiktiven person nachzugeben. ha. das kann dir die ganze planung eines plots zerschießen)
hachz. beglückt sein über ein buch, das ein straßenkartonfund ist und so dermaßen berührend. schere, stein, papier.
em, notiz am rande. auch wenn mich ein plot vielleicht nicht grade "umhaut" - ich kann mich ganz überwältigt begeistern für das handwerk WIE etwas erzählt ist. und das ist dann auch ein grund, der mich dazu bringt, manche bücher wieder und wieder und wieder zu lesen. nicht nur wegen der story, den protagonistinnen, dem plot. sondern wegen meinem genuß an der sprache. dem genuß der sätze, der adjektive, der bilder, der metaphern, der beschreibungen, mit denen ich sehe, höre, schmecke, rieche, fühle, mitfühle, spüre, zittre, innehalte. und beim lesen denke "boah".

