Sonntag, 19. Juni 2022

gelb und die götter des fastfood. work in progress

I
Ich denke Gelb. Denke Regenmantel und Ei, Banane, flauschige gelbe Küken, denke Sonnenstrahlen im Kinderbild, denke Löwenzahn.
Schließlich drifte ich ab mit den Pusteschirmchen des Bocksbarts mit seinen Schirmchenkugeln wie Löwenzahn groß hoch drei, drifte ab zu den winzigen Bienen im Johanniskraut (denke kurz Gelb) und bleibe hängen an drei albernen Jungelstern, die auf dem Dach der Nachbarhütte haschmich spielen. 
Gelb. Ich habe noch ein paar Buchseiten vor mir, Gelb, wir tauschen untereinander. Jede schreibt, zeichnet, malt, collagiert ein paar Seiten und am Ende haben wir sehr verschiedene Unikatbücher in Gelb.
Aber die Gedanken sind unruhig und schaukeln davon mit den Schirmchen.
Ob das Haferwurz sei fragt die Freundin. Ich weiss es nicht. Der Himmel ist weiß vor Licht. Die Hitze glüht auf meinem Scheitel, meinen Lidern, pocht in Rot, pocht und der Kopf knickt ab, leise, leise fliegt er davon, lässt sich treiben wie ein halbleerer Ballon, der schon taumelt, wie ein Haferwurzbocksbartschirmchen. Das Hirn schaltet aus, was es sonst tut, hören, sehen, Sätze bilden, Gerüche sortieren, treibt, eine schwimmende Walnuss im Schädelballon, der verliert Luft und bleibt irgendwo hängen, wo es schattig und kühl ist, unter den Bohnen vielleicht, wo die Erde nass ist, weil frisch gegossen. 
 
II
Die fast food Götter flackern mit ihren Neonröhren über der Theke. Hinter mir dröhnt der Verkehr. Wenn die Ampel umspringt, brummt der Boden unter den Füßen und im Kühlschrank titschern die Flaschen. Ich kann es hören, wenn ich den müden Kopf an die Glastür lehne. Dann sirrt das Titschern in meinen Zähnen und rutscht mir kühl in den Bauch.

Serviettengirlanden und leere Pappschalen säumen den Weg zum Altar. Ich ziele Kleingeld in einen hingehaltenen Becher. Ob ich den richtigen getroffen habe?
Die Neonröhren blinken hektisch und gehen aus. Erst im Dunkeln wage ich mich auf die Straße.  Stoßstange über Stoßstange tanze ich zur anderen Seite, die duftende Tüte an die Brust gepresst, meine weit ausgebreiteten Nasenflügel halten den Schädelballon senkrecht. Ich sabbere.

III
Das Blinken und Hupen verklingt, je weiter ich mich von der Straße der Götter entferne, abbiege unter Linden, deren Blätter und Duft das Leichenlicht der Zebrastreifenlaternen schluckt. Im Park setze ich die Tüte ins Gras.
Wie warm mein Bauch, meine Brust, schwitzige Hände. Wische den Sabber vom Mund, ratsche die Papierhüllen auf, reisse Bissen ab, schlinge, verschlucke mich, huste die Brocken aus. Langsam! Langsam, ermahne ich mich. Nach ein paar Schlucken wird die Gier etwas milder. Ich wische Soße vom Kinn, trinke Wasser und füttere behutsam, mit aufgeweichtem Brot und zermatschtem Gemüse, den aus dem Nest gefallenen, geflüchteten Jungvogel, der ins Gras gekauert aufgewacht ist und schreit, sich hochreckt, den Schnabel aufsperrt und bettelt. 

IV
Das nasse Gefühl am Finger im hungrigen Vogelschlund, der das Futter absaugt, schluckt, wieder schluckt, die letzten Tropfen aus der Wasserflasche schluckt, schliesslich in sich zusammensinkt, ein müdes, kurzfristig sattes Händchen voll Tier. 
Die Götter des fast food klatschen Beifall. Wieder ein Opfer, ein Süchtiger, ein Gläubiger mehr, angefixt mit Zuckerpappebrot, Wassersalat und geschmacklosem, grannysmithhartem Tomatenersatz. Geweiht mit allheiligmachenden Soßen, chilliepulvergesegnet. Hosiannah. Alle Wege zum Tempel duftend gemulchter Röstzwiebelchrunch. "Schnauze" murmle ich ins beifallraschelnde Dunkel, lutsche die Soße vom Papier, knülle es mit Einmalservietten, Plastiktüte und Alufolie zum Ball, strecke mich neben dem Vogel aus. Schlafe. 
 
Träume in gelb.








19.6.22  nicht nur, aber auch, für Marina










































































 




2 Kommentare:

Wie war das - für Blogger sind Kommentare wie der Applaus im Theater - na denn, tut Euch keinen Zwang an! Ihr dürft pfeifen, trommeln, klatschen.... mit Euren Kommentaren isses hier nicht so einsam. Danke!
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