Freitag, 5. September 2025

auge

 auge

schnell schnell gucken lesen zappen scrollen

schnell schnell

schalt mal runter

sieh

den  klecks glitzerkleber auf asphalt, der grünblau schillernd den  boden zum leuchten  bringt

einen  pinsel, verloren  gegangen, hey, der ist schön - ich  laufe  den  rest des  abends mit  einem  pinsel im  haarknoten  herum 

 

morgens auf  dem weg am fluß sonnenlicht  in  silbersprenkeln auf  dem wasser

weisse  federschiffchen, möwen, schaukeln mit der strömung

ein kormoran taucht ab

die schwäne, die an  der marina ihr revier  haben, dümpeln  wie  dicke federkissen

ein angler

meine unbekannte bekannte radfahrerin, der ich fast allmorgendlich  begegne, wir fahren in  entgegengesetzte richtungen, sieht mich  drehend  und dehnend unter der trauerweide  stehen und hebt grüßend die hand 

 eine junge frau trägt rosa kopfhörer mit katzenöhrchen 

 an  einem andern  tag eine schülerin  im bus, rosa cropsweat, rosa joggbermudas, rosa socken, eine grasgrüne kniebandage und die löckchen über der stirn in zwei  akkurate kringel gedreht, anmutig wie eine flamencotänzerin  

abends im sand auf  der lichtung stehen,  in der zeit, die das licht braucht, bäume, wiesen und wege von grün und  braun  und gelb in scherenschnitte vor flammendem westhimmel zu verwandeln, drüben ein  halber mond und die fledermäuse sausen  zick zack jagend  um uns  her. 

augen schliessen und auf den regen lauschen 

Donnerstag, 4. September 2025

30dayproject 30 Tage Projekt . Sinne. Gleichgewicht

 Sinne

sinnlich

senses 

sensual  

sensitiv

 

ich möchte wieder schreiben und ich möchte eine kontinuität entwickeln (die ich gelegentlich in meinen tagebüchern habe, aber auch da gibt es brüche und pausen) und ich möchte konsistent bleiben.

wie wäre es mit den sinnen. schreibe entwickle denke nach über sinne. wahrnehmung. fühlen. riechen. schmecken. hören.

 

gleichgewicht.

 

gestern ein termin mit sohn und architekt im alten häuschen, das ein kondensfeuchteproblem hat, im winter schimmel bekam an zwei aussenwänden und seltsames mycel unter der plane, die den fußbodenbelag vom asphaltestrich trennt. wir haben diverses besprochen und ein paar szenarien, wie man am besten weiter vorgeht, entworfen. 

später fragte ich herrn b ob er uns bei der regenrinne bzw dem überlaufenden fallrohr helfen könne. wir standen draussen, er löste schrauben, r. stieg aufs kellerdach, löste die anderen schellen.

 

ich stand unten und sah senkrecht am giebel hoch, auf dem die sonne stand. leuchtender putz. blendend  hell. darüber ein herbstblauer himmel - septemberblau - mit ein paar frisseligen verwehenden weissen wolken in fetzen. ich spürte, wie mich die bewegung der wolken, die leise hinter dem giebel verschwanden, narrte. zu narren begann. gleichgewichtssinn. verwirrt durch den anblick von verschwindenden wolken hinter einem statischen gebilde und das gebilde beginnt zu wandern. zu ziehen. das haus zieht. nicht die wolken. es schiebt  sich hin zu mir. ich biege mich weg. möchte nicht fallen.

ich denke an christof ransmayrs buch der fliegende berg, in dem er erzählt, wie die einheimischen die berge betrachten, die hinter wolken verborgen sind und gelegentlich auf und wieder abtauchen. fliegende sind. fliegende berge, die sich vielleicht entscheiden auf einem rücken der erde platz zu nehmen und sichtbar zu werden. wenn sie nicht sichtbar sind, weg sind, sind sie fort geflogen.

 

ich denke ich werde öfter auf dieses buch zurückkommen. zu vieles darin hat mich tief berührt. 

 

diese verwirrnis jedoch, gestern nachmittag, einen moment lang, ehe ich den kopf abwandte und den nacken ausschüttelte, um dieses seltsame nein nicht bedrohliche aber sinnverwirrende gefühl loszuwerden abzuschütteln, den blick wieder an festem auszurichten, boden, pflastersteine im löwenzahn, das fallrohr in meiner hand, mich erde. 

am nächsten morgen fahre ich bus. was ich selten tue, aber mein rad steht noch am bahnhof, ich muss es holen um damit zur arbeit zu fahren. wenn der bus über die kopfsteinpflaster hoppelt, rumpelt es. ich spüre es in meiner wirbelsäule, meinem magen und in meiner blase. denke an den fliegenden berg und dass ich anfangen muss.

schreiben. 

aufmerksam bleiben.  

Sonntag, 22. September 2024

Die Vögel und immer wieder die Vögel

Während ich  schreibe, blechtippeln gegenüber die  Tauben im Sonnenlicht auf dem Rand der höchsten Regenrinne. 


Ausflug nach Neuwied, die Heimat des Mannes besuchen. Wir gehen lange am Ufer entlang,  bis zur Wiedmündung und  über schattenfeuchte Wiesen  zurück.  Am Ufer  eine kleine Herde Enten, ein, zwei Nilgänse dabei und eine Kanadagans in der Mauser, der ein  paar fleddrige Flügelfedern bizarr aus dem Gefieder herausstehen. 


Im  Zug fahren wir in einen  sinkenden  Abend.  Herrlicher  Himmel.  Das  Samtrot  des Sonnennuntergangs streift noch feuriges Gelb, das sich nach oben über orange-apricot-mintgrün zu türkis und  petrol in der sich verdunkelnden Kuppel verwandelt.  Im brennenden Orange zieht ein großer flacher Keil  Zugvögel.


Neulich am Morgen betrete ich den Hof,  als vor mir ein Wanderfalke  abhebt. Er hat eine Taube in den Krallen, hält den Schwanz  schwer navigierend  hart nach unten. Ich sehe jeden Tüpfel jedes Muster auf den schönen Federn. Mit seiner Beute saß er auf einem Stapel auf dem Tisch liegenden Kissen  und ich störte sein Frühstück. Nun muss er den kurzen Weg über Hof und Hintergärtchen mit der Taube schaffen, genug Flughöhe zu gewinnen. Ich bin betört.  Einer der  Falken  der nahegelegenen Kirche vermutlich. Sie nisten  seit Jahren dort, der Küster passt auf.  Auf den Kissen ein paar gerupfte Federn und Flecke frischen Blutes. 


Morgens auf dem Radelweg am Fluss entlang Flugverkehr über mir.  Von Osten fliegt ein kreischender Trupp Halsbandsittiche  Richtung  Stadt, in  die andere Richtung wenige Meter tiefer zwei Rabenkrähen, weniger gesprächig. Krk. Im Wasser Kormorane auf  Jagd,  Schwäne schaukeln herum. Auf den Ufertreppen dösen Tauben in der Sonne,  dazwischen  die eine oder  andre schmal aufgerichtet aufmerksame Jungmöwe mit schwarzen Beinen und Käppchen, bereit, jederzeit aufzufliegen. Oben segeln die großen Geschwister über dem Fluß. 

Nachmittags fallen auf die unkrautbewachsenen Schultern der Erdhaufen Distelfinken ein, Säämchen sammelnd und knuspernd, Sperlinge auch.  Über den Weg knickst eine Bachstelze.  


Vor ein  paar Wochen kobolzt die letzte Brut Blaumeisen durch den Hof. Fünf Winzlinge  purzeln durch die Heckenrose, die sich über zwei Höfe spannt, sammeln sich auf meinem  Blumentisch, schaukeln an Pflanzen und Stöckchen. Jeden Nachmittag tropfen sie wie bunte  Federbällchen in das wilde Rosengeheck, turnen, piepen, klettern, fliegen tiefer bis in die Pflanzen, den Tisch und zum Vogelbad.  Eines beginnt mit Trinken  und Plätschern,  das Zweite hüpft mit herein, ein Drittes bleibt zweifelnd auf dem Rand sitzen, trinkt nur. Vier und Fünf hampeln lieber durch die Blumentöpfe, landen schwerelos elegant seitwärts an Stöckchen und Stangen. Ich liebe dieses Gekasper und Gewusel! Ein herrlicher wildgewordener Meisenkindergarten!


Vor und nach Sonnenuntergang das Gekakel, Lärmen und Schwatzen der Krähen.  Sie gurren, grunzen, krächzen, quietschen, schnattern, fiepen, grollen.  Ich stelle mir vor sie erzählen den Tag, sortieren Schlafplätze und diskutieren die Zugrouten.  Am Morgen wache ich mit einem  Lächeln von ihrem Gequassel auf und sehe ihnen am Abend zu, wie sie in großen Trupps durch den weit über uns noch abendhellen  Himmel zu  ihren Schlafbäumen fliegen.  Unten bei uns sind die Bäume schon scherenschnittschwarz und die Fledermaus jagt. 


Zwischen Wachen und Schlaf begegnet mir ein alter Kindertraum. Ich gehe die Straße entlang und gleite mühelos in die Luft. Die Beine nach hinten, Arme am Köper liege ich waagrecht  und fliege meinen Weg. Nicht sonderlich hoch, aber eben nicht mehr dem Boden verhaftet. Auch in geschlossenen Räumen. Der Spaß unter der Decke zu  kreisen und nicht gesehen zu werden.  Denn wer hebt schon den Kopf? Im Michwiederhineinträumen das vergessene  kribbelnde Gefühl in  Füßen und  Bauch. Ich  kann  fliegen!  

Und ihr?


Mittwoch, 24. April 2024

dancefloor

 Mittwochnachmittag im Büro. Ei.gent.lich hätten wir seit einer Stunde Schluß. 

Es klingelt. Seufz. "Oh nee, es ist noch so viel…Wer kommt denn jetzt?" Frau R. Frau R ist immer eine Herzensfreude. Vom Leben gebeutelt, mit unerschütterlicher Kraft für sich und den Lebensgefährten, der nach zwei Schlaganfällen etwas langsam ist, aber beide machen immer irgendwie weiter. Sprechen sich Mut zu. Stützen sich. Liebevoll. Nehmen die nächste Hürde, den nächsten Nackenschlag. Bleiben beisammen. Heute ist sie alleine.  "Herr Jo ist zuhause. Kocht. Portugiesisch!" sagt sie.

"Manchmal muss man raus, Luft holen, bewegen",  sagt sie, schnauft tief und wedelt mit den Armen. Sie setzt sich und erzählt vom Umzug in die neue Wohnung, so viel enger als die vorherige, aber  dort lebten sie im Schimmel, über zwei Jahre lang, die Vermietergesellschaft hat sie immer nur vertröstet "und Jo, mit den Schlaganfällen, nein man ist ja krank in dem Schimmel ». 

Nebenbei gebe ich ihre neue Anschrift in die Datenbank ein, damit ist eigentlich alles erledigt. Sie erzählt vom Umzug mit Müllsäcken, weil Kartons so viel kosten, werden nur einmal gebraucht, dann stehen sie herum. Erzählt vom defekten Kühlschrank, das Gefriergut taute auf und sie mussten ganz schnell ihre Vorräte aufessen. "Alles, was wir eingekauft und gefroren hatten, als es Sonderangebote gab!"  Sie erzählt noch viel mehr, sie packt es in Witze ein, aber im Grund ist es tragisch und schwer.  Und ein großer Batzen der Schwere ist der jahrzehntelange Rassismus, das schlechter behandelt werden, das als Letzte drankommen, das keinen Streit anfangen,  nicht aufs eigene Recht pochen, weil man so ausgeliefert ist, der Vermietergesellschaft,  dem Arbeits- und Bürgeramt, der Kasse. Ein alter kranker portugiesischer Gastarbeiter mit brüchigem Deutsch und seine Schwarze Lebensgefährtin. 

Plötzlich, ich weiss nicht mehr, wie sie draufkomt, sagt sie, "ich hör so gerne Musik.  So alte deutsche Musik. Und dann tanze ich. 99 Luftballons, Text kann ich nicht, aber tanzen."  Sie steht zwischen uns, rollt Arme und Hüften, lacht, singt. "Tanzen ist so schön" Eine kleine afrobritische Frau mit einem entzückenden Akzent, sie wiegt sich und tanzt, wir fallen ein. Meine liebste Kollegin rotiert Arme und Schultern, "das hab  ich von Frau B (was ich bin) gelernt", ich muss lachen und mache mit. "Oh" sagt Frau. R kichernd,  "das ist gut" und macht mit. Drei garnichtmehr junge Frauen im Büro, lachen sich an, tanzen, lassen die Hüften schwingen, die Arme schlenkern, die Augen rollen.

Wir begleiten sie zur Tür. "Viele Grüße an Herrn Jo, alles Gute." Noch ein Lachen, ein Danke, ein Winken.  Die Schwere, die Traurigkeit, das Alter, die aussichtslosen Mühen gegen rücksichtslose Vermieter, lahme Behörden, gesundheitliche Probleme sehe ich an ihren Schultern, ihrem Rücken, der müde runtersackt, als sie vor mir die Treppe herabgeht, die kleine danceflooreinlage vorbei ist. 

Samstag, 30. März 2024

Strich drunter

 Strich drunter. Jetzt. Jetzt bin ich da. 

                                  Jetzt.

                                  Alles was kommt, ist kürzer.

                                  Das macht nach-denklich

                                                    vor-fühlig

                                                    ab-wägend, abwiegend was war

                                                                       was

                                                                       kann noch kommen

                                                                       wo gehen wir hin

                                                                       und wieviel Leben

                                                                       bleibt noch.

Nausea

In manchen Nächten

sehne ich mir

Dunkelheit und Schweigen.

Wer zerschießt die Laterne,

bringt die Stadt zum Verstummen?

Schweigend im Dunkel

Im Rücken der Teppich kratzt.

Über mir ein Zelt, eine Kuppel aus zer-

stückelten Bildern, Alp-

Träumen, aufsteigend aus meinen Augäpfeln,

ein funkelndes, ein faulendes,

gaukelndes, tanzendes  Kaleidoskop vergangener Tage.


Nausea.

Freitag, 29. März 2024

Harte Zeiten

Die Stadt ist voll gehängt mit Werbeplakaten für eine Großspinnenausstellung. 

Harte Zeiten für Arachnophobiker. Auffahrunfälle an Ampelkreuzungen oder mit geschlossenen Augen in der Fußgängerzone Roller fahren. 

Nachts schwarze Farbe und Kabelbinderkneifzangenmassaker.

Das geplante Opferfeuer hinter dem Ende der Straßenbahngleise fällt aus. 

Niemand will die Plakate so nah am Körper hintragen. Wer weiss, ob sie nicht -

 

 Am nächsten Tag fahren wir Riesenrad.