Sonntag, 28. Februar 2021

Über die Freude, den eigenen Körper zu mögen

Über das Gefühl, den eigenen Körper zu mögen. 

Wenn sie ihre Hände ansah und bewegte und bei jedem einzelnen Finger dachte, dass er ein Wunderwerk war aus Gelenken und Sehnen und Knöchelchen, das machte, was sie wollte und manchmal besser oder schneller, als sie denken konnte. Automatisch. Wenn sie in dem Automatischen im Kopf die Bremse zog und das Automatische zum Bewussten werden ließ und darüber zu einer ganz großen Dankbarkeit kam. 

Dieser Körper hat mich durch viele Jahre getragen, trägt mich immer noch und funktioniert im Großen und Ganzen erfreulich gut.

Wie sie die Freude am Bewegen wieder entdeckte. Am Hüpfen. Beine schwingen. Hampeln und Hopsen, wie sie es nannte. Mit dem Wochen immer furchtloser, immer achselzuckender, immer weniger verunsichert, wenn die Jungmänner und Jungmädels federnd an ihr vorbeiwippten, joggend, und sie da stand, hospte und hampelte, mit ihren bald sechzig Jahren und deutlichem Übergewicht. Wie ihr die Blicke immer weniger ausmachten und vielleicht sogar weniger wurden, manchmal sogar ein Lächeln, neulich ein scherzhaftes Gespräch mit einer Familie, die vorbeikam, als sie die Beine über die leeren Fahrradständer schwang. Gutes Kickboxtraining meinte der Vater und sie täuschte einen Kick an und sie alberten herum. 

Wie gut es tat, abends beim Umdrehn im Bett Muskelkater zu spüren, okay, die gezerrte Stelle an Schlüsselbein links war weniger lustig, aber die würde auch wieder weggehn. Treppen mit Schwung nehmen zu können, bis oben! Ja, sie war zu schwer und würde das wahrscheinlich kaum geändert bekommen, Diäten konnte sie sowieso in die Tonne treten, aber sich leichter zu fühlen, weil beweglicher, weicher, leichtgängiger, das war es, was es ausmachte. Freude in diese Corona-Herumhock-Trägheit spülte.  Dass sie es zulassen, nein, falsch, genießen konnte, wie sich im Körper ein Gefühl aufstaute, das auf-in-die-Laufschuhe rief oder jetzt-auf-die-Matte, das Gefühl mit Genuß hochkommen ließ, ganz bewusst spürte und zuließ, dass sie sich bewegen wollte.  Nicht dem ich-müsste-etwas-tun gequält nachkommen, halb pflichtbewusst, halb angenervt, sondern dass da ein Wille hochkam, der stärker war als Faulheit, als Bequemlichkeit und faule Ausreden, eine Freude über das, was ging, was erkennbar nach mehreren Wochen besser ging, leichter ging, Spaß machte, Freude am Bewegen, Freude am eigenen Körper. Und leise auch Stolz. Zu dieser Freude, die lange abhanden war, zurückgefunden zu haben. Stolz auf diesen Körper, was der, trotz Alter, Übergewicht, fehlendem Training, fehlender Kondition, noch konnte, und langsam wieder konnte.  Dass sie es geschafft hatte, sozusagen als Nebeneffekt, ohne es als Ziel gehabt zu haben, den hartnäckigen Schmerz in der Aussenleiste des linken Fußes einfach wegzutrainieren. Wieder Kraft in die Muskeln bekam. Stärke.

Vor ein paar Jahren hieß ihr Jahreswort Leichtigkeit, weil die ihr abhandengekommen war, im Denken, Fühlen, Ausdrücken, Schreiben, alles war schwer gewesen, niedergedrückt, langsam, festgefahren, ernst, ohne Witz. Das Jahr war vergangen, ohne dass die Leichtigkeit zurückgekommen war.

Beim Hopsen und Hampeln wurde ihr klar, was diesmal ihr Jahreswort sein würde, nein, war. Schon war. Die ganze Zeit schon. Und sie hatte es nicht gesehen: Beweglichkeit. Sie freute sich darauf. Tanzen. Drehen und Hüpfen. Sich leicht bewegen zu können. Zutrauen in diesen Körper zu fassen. Wie ein Kind. Auf einem Bein. Lachend.

Kommentare:

  1. was doch Frauen können wenn sie es wollen und um - denken - ein rad schlagen und zu dem werden was sie wollen...
    ein wouw von mir,
    ich wünschte mir nein ich wünsche es mir, nicht nur sobald Frühling und der Sommer kommt und ein wenig bleibt, kann ich all das
    wieder und auch!!!!!obwohl ich die 60 schon umrundet hab, aber was ist schon Alter...
    nur eine Zahl...ich dreh mich um und guck hinter mich, ja das ist sie...leise sich versteckt im letzten Jahr...
    nur die Umstände sag ich mir,das waren nur die Umstände...
    Toll geschrieben!...
    herzlichst angelface die sich wundert dass das noch niemand gefunden hat!

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  2. Eine Freude, das zu lesen. LG Carola

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Wie war das - für Blogger sind Kommentare wie der Applaus im Theater - na denn, tut Euch keinen Zwang an! Ihr dürft pfeifen, trommeln, klatschen.... mit Euren Kommentaren isses hier nicht so einsam. Danke!
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