Samstag, 22. Juli 2023

Im Sand

Im Sand *

Durch das Tor tretend,
das den lichten Wald vom Dünenfeld trennt,
durch die grau verwitterte Grenze
aus mächtigem Totholz,

sehe ich
gegenüber, dort, wo die Dünenlandschaft sachte ansteigt,
meinen Weg.

Schmal ist er, eng,
fußbreit höchstens.
Rechts und links
zweigen Furchen ab, Rillen.
Beginnend mit einer winzigen Welle
laufen sie links und rechts
gleichmäßig aus
in magere Grasrippenbögen.

Angelangt
ziehe ich meine Schuhe aus.
Setze Fuß vor Fuß
Schritt für Schritt
in den Sand.
Gehe
Ballen zu Ferse zu Ballen
behutsam
auf dieser Wirbelsäule
der Erde.

Spüre Sand
glatten Stein
Wärme
trockenes Erdreich
in Kuhlen gespeicherte Kühle
Regen vom Vortag.

Ein Stein ragt heraus
halbrund, spitzig am Ende.

Wirbelknochen.

So trage ich ihn in der Tasche.
Erinnerung
an meinen Gang
Fuß vor Fuß
auf der Wirbelsäule der Erde.


19. Juli 2023


* Mainzer Sand, Naturschutzgebiet mit Binnendünen und Steppenvegetation




Samstag, 29. April 2023

Hermana yo te quiero

 Für alle Frauen Schwestern

https://www.youtube.com/watch?v=oeU7rb-dBow


ich höre es sehe es zum werweisswievielten Mal und heule immer wieder

Mittwoch, 26. April 2023

free jamshid sharmahd

 nach 1000 tagen in isolationshaft, folterung und ohne kontakt nach aussen, wurde Jamshid Sharmahds todesurteil in iran nun bestätigt. er kann jederzeit hingerichtet werden. er ist deutschiraner - der mit deutschen pass vom geheimdienst der islamischen republik entführt wurde und seither gefangen gehalten wird. 

seien sie laut, teilen sie die entsprechenden petitionen 

https://linktr.ee/sharmahd

https://www.change.org/p/save-jamshid-sharmahd-jamshid-sharmahd-darf-nicht-hingerichtet-werden-abaerbock-auswaertigesamt-miro-spd-freejamshidsharmahd

 


Freitag, 21. April 2023

Himmelsspektakel

 

Das Gewitter zieht von hinterm Haus 


spektakulär und theatralisch übers Dach



knutscht die oberen Kastanienkerzen

 
und zieht vors Haus um
 

 bis es abtaucht.

Als es schon wieder heller wird, stapeln und verfielfachen sich plötzlich Donner, Flugzeugimlandeanfluglärmen und einsetzender Regen auf Hofgaragenblechgedöns

Wuuuusch

Sonntag, 16. April 2023

meine freundin geht auf ihre letzte reise

ich sehe zwei krähen auffliegen

sie landen nebeneinander wippend auf dem zaun, sehen sich an, eine streicht ab.

 

ich sehe das sonnenlicht gleissend auf dem rhein

und den himmel fast weiss. 


ich sehe blühende veilchen, ein büschel,

gewachsen auf angewehtem humus in einem baumknubbelknie

in einem langweiligen vorgarten unseres viertels.


ich sehe ein dünnes reis feuerdorn mit ein zwei drei blättern

gepflanzt in eine heckenlücke am wegrand in der josefstraße.


es ist der 14. april 2023. ich sehe, was du nie wieder sehen wirst, an, als sei es neu. 

ich erzähle dir meinen weg durch unsere straßen in gedanken, während du in deinem krankenbett dem tod entgegentreibst. schlafend. wortlos. beim erwachen verwirrt, bis dein blick fokussiert und zuklappt, weiterschläft. der anderen seite entgegen.

ich danke dir für 23 jahre und 4 monate freundschaft, küchengespräche, spaziergänge, juristisch-politische diskussionen, rückendeckung, unterstützung und hilfe, lachende zupackende frauensolidarität, ehrliche fragen und kommentare, und all die jahre deiner liebe zu meinen kindern.

ich danke dir für dich, liebste freundin

immer für dich

Sabine

danke

 

gute reise

Freitag, 3. März 2023

bäh. und ein paar links.

 hinter der fensterscheibe ist die sonne schön warm. in lichtflecken stehen. augen zu.

würde am liebsten das bett in die sonne zerren. geht nicht. falsche wohnungsseite....

immer noch kränklich, nachdem die grippe mich zwei drei tage komplett ausgeknockt hat. gestern war mir wieder nach ohren wackeln, staubsauern, kochen, wäsche machen... bin dann natürlich zu lange auf geblieben, verfroren ins bett und stunden nicht warm geworden. kein guter nachtschlaf. heute morgen eine arg verzauste verpeilte eule im spiegel. bäh. friere. 

 im iran werden mädchen vergiftet, mit essen, mit giftigem gas, daniela sepheri und gilda sahebi berichten, folgen sie ihnen auf ig, auf den podcasts, hören sie zu, machen sie es publik, nichts hasst das regime mehr, als die internationale aufmerksamkeit, sagen die beiden.  

ausserdem: die zweite folge von trauer und turnschuh ist raus, danke an hadija haruna-oelker und max czollek, es ist wichtig und großartig und denk- und lernstoff. ich höre sie beide gerne öffentlich denken. 

fridays for future läuft heute auch bei uns, 15.00 uhr, gutenbergplatz. ich bin zu krank. gehen sie mit, schlagen krach. es geht um unser aller zukunft.  gemeinwohlorientiertsein beisst sich mit stur kapitalistischem immer-weiter-wachsen. unser wachstum geht schon seit jahrhunderten zu lasten des sogenannten globalen südens. aber das pendel schlägt zurück.

passen sie auf sich auf. bleiben sie freundlich. versuchen sie heiter zu sein. nehmen sie wen in den arm. küssen sie ihre lieben. trinken sie tee. tanken sie sonne.

 


Samstag, 25. Februar 2023

die wagen ihrer mutter

es ist ein trübgrauer donnerstagmorgen als tess in den archivraum geht, akten einscannen. vor dem fenster ein fiat ducato, ein kastenwagen mit auffälliger werbelackierung, ohne fenster im kastenteil. die schiebetür öffnet sich und ein mann steigt aus. tess achtet mit fingerspitzendruck auf den scanner, der gerne papier doppelt zieht und sieht dem mann draußen zu. er hat schlabbrige shorts an, die unter dem steissbein hängen, nackte waden in schlappen, zu kalt für den februar. kurz überlegt sie, ob er im wagen geschlafen hat. 
als er nach vorne geht, die beifahrertür öffnet, sich hineinbeugt, noch mehr poritze zeigt, eine zigarette nimmt, sie das zickzickzick des feuerzeugs durchs geschlossene fenster nicht hören kann, aber trotzdem hört, rollt die geruchserinnerung wie eine woge über sie hin.

kalter zigarrettenrauch in einem auto, gemischt mit dem geruch von plastik, metall und benzin und, im wagen ihrer mutter, immer mit druckerschwärze.
ein bitterer geruch, sauer, kratzig und rauh.

tess schüttelt den kopf. so hatte der ockergelbe vw polo gerochen. lehmfarben wie die erde ihrer heimat. ein auto, dem man den dreck nicht ansah, das den ganzen sommer unter der zuckernden trauerweide stand und mit einer schicht läusesüß, strassenstaub und lehm bedeckt war, die die scheibenwischer nicht packten. dann musste ein eimer mit wasser her. in die waschstrasse fuhr die mutter nicht, lohnt sich nicht, da müsste ich dreimal durch bei dem bapp. im herbst gibt es regen.

der wagen war ihr dritter gewesen. ein notkauf, nachdem die mutter den funkelnagelneuen toyota, auf den sie so lange gespart hatte, an einem eisglatten herbstmorgen kopfüber durch ein feld pflügend zu schrott gefahren hatte, unversichert natürlich.
tess lebte zu dem zeitpunkt schon nicht mehr zuhause. sie war in ihrer alten studentenstadt in eine nichtraucher-WG gezogen, wo sie dennoch monatelang reflexhaft beim einkaufen ins zigarettenregal griff nach der marke der mutter. 

am wochenende war sie heimgekommen. der toyota fehlte und auf der treppe stand mutters einkaufskorb, schlammverschmiert. was ist passiert, fragte sie. die mutter erzählte, wie der wagen bei glatteis weggeschleudert war und sie auf dem kopf stehend, die brennende zigarette noch immer in der hand, zum stehen gekommen war. es könnte benzin ausgelaufen sein, hatte sie gedacht und die kippe konzentriert im wagenhimmel ausgedrückt.

der wagen war futsch, das geld auch. der unfassbar schielende tankstellenmann, eine seele von mensch von drei zentnern, der sie schon jahrelang kannte, hatte mitleid und einen alten polo im hof, den er ihr günstig verkaufte. sie fuhr ihn jahrzehnte.
druckerschwärze, abgasmief, fahrzeugplastik, das roch, wie fahrzeugplastik in den siebzigern gerochen hatte und nikotin.
eine schmierige schwarze schicht, die innen auf der windschutzscheibe klebte. war sie beschlagen und man wischte darauf herum wurde sie nur noch schlieriger und alle ärmel, taschentücher und lappen waren schwarz.

der erste wagen war eine ente gewesen. mutters protest gegen die stigmatisierung im ort, gegen scheele blicke und getuschel, geschiedene frau, alleinerziehend (wenn man die großmutter vergaß, die tess jahrelang mittags mit essen versorgte, ehe sie sich, selbst schon über siebzig, zum mittagsschlaf hinlegte und das mädchen seine schularbeiten machen hieß). tess' mutter arbeitete in einem männerberuf, in dem ihr keiner was vormachen konnte. sie war stolz. auf ihren job, auf ihre entscheidungen, auf ihr leben.

sie war 35 als der mann ging, oder von ihr gegangen wurde. tess war nie etwas erklärt worden zur trennung ihrer eltern. sie wurde vor vollendete tatsachen gestellt und der vater war weg. die mutter lernte mit 35 autofahren, fuhr wagemutig und schon in der fahrschule gerne zu schnell. ihr erster wagen, die knallgelbe ente, stand wochen im garten, bis die mutter den führerschein hatte. am abend saß sie im auto und übte die knüppelschaltung bedienen.

die ente war aufruhr und statement. aufgeklapptes verdeck, auf dem beifahrersitz bäume, die oben herauswehten oder tess' kumpel gerri, der sich auf den sitz stellte und majestätisch den fußgängern zuwinkte. sie lachten sich kaputt hinterher.
selbst der hund war auf das charakteristische motorengeräusch geeicht. brummte das gelbe getüm die einfahrt entlang, sauste er aus dem korb und stand wedelnd an der tür, bis die mutter im blaumann nach druckerschwärze und zigaretten riechend, hereinkam.

die ente war so klapprig und zugig, dass sie wenig nach auto roch. das ganze jahr über streuselte sie aus den lüftungsklappen im fond birkensamen auf jeden, der den fehler beging, die klappen zu drehen. sie war transportmittel und lastkarre; ächzte unter von abrisshäusern geklauten fensterstürzen aus sandstein, mit denen die mutter gartentreppen baute. sie liebten dieses auto, das selbst mit zerstörtem auspuff, wie ein traktor röhrend, noch fuhr, eine kaputte tür mit einer riesigen hellblauen schleife festgebunden.
als die reparaturen zu teuer werden drohten und die schäden zu häufig, hatte die mutter genug gespart für den kleinen schicken toyota.

dem 6 monate später der stinkende polo folgte.

tess schüttelt den kopf, versucht mit husten den geruch und geschmack von plastikstinkendem wageninnern, abgasen und nikotin loszuwerden, der hartnäckig wie schmieröl an ihrer erinnerung klebt.

der typ draussen am fiat sieht gleichgültig zu ihrem fenster, zieht seine shorts hoch und läuft die straße hinunter zur bäckerei.
 
 
25.2.2023