Montag, 7. Oktober 2019

Über den weissen deutschen Tellerrand hinaus.....

Manchmal ist es ruhig auf dem Blog, weil das Leben rollt und es nicht viel zu sagen gibt, weil insta reicht und schnell geht..
Manchmal ist es ruhig, weil anderes wichtiger ist und Gedanken sich erst langsam sammeln und formen. Ich versuche, ein paar der Gedanken zu sammeln und zu sortieren. Seht mir nach, wenn es trotzdem unsortiert bleibt.

Die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, kam bei mir in meiner Kleinstadt, in der ich in den 70ern aufwuchs, kaum an und in der nächstgrößeren Stadt, in der ich zur Schule ging, ebenfalls kaum. Mein Vater hatte keine türkischen KollegInnen, meine Mutter genausowenig. An unserer Schule gab es zwei griechische Brüder, das wars.
Vater hatte einen, ich glaube tschechischen Kollegen, Herrn Pusic, der sich von unserer Kirsche Stecklinge holte und uns ein paar Mal besuchte. Die einzigen Ausländer, mit denen wir mehr Kontakt hatten, waren amerikanische Soldaten, in Worms waren ab 1951 bis 1996 ziemlich viele stationiert. Die erste türkische Familie in unserer Kleinstadt kam Anfang der 80er, denke ich. Der Sohn kam in die Sonderschule, weil er schlecht Deutsch konnte (ja, so war das damals!). Mein Heimatort ist klassischerweise seit Jahrzehnten von russlanddeutschen Einwanderern geprägt. Kannte man aber keine, die blieben unter sich. Thema meiner Jugend war "Atomkraft nein danke", Biblis liegt in direkter Nachbarschaft.

Ein erstes Aufwachen war das Open Ohr Festival auf der mainzer Zitadelle 1983, mit dem Titel Der Die Das Fremde. Ich lernte Mehmet Ünal kennnen, einen türkischen Schriftsteller, Schauspieler, Fotografen, Übersetzer, der zeitweise auch als Gewerkschaftler arbeitete. Er portraitierte Gastarbeiter, schrieb ihre Geschichten auf, half im täglichen Durchschlagen in einem Deutschland, das abweisend war und unwillig, zu lernen, sich hin zu bewegen zu Fremden. Ich zog 1989 in die Stadt, in der ich studierte, kaufte bei libanesischen, türkischen, arabischen Händlern Lebensmittel, liess mir meinen Raspelhaarschnitt bei einem arabischen Herrenfriseur mit Kamm und Rasiermesser schneiden (Hey, ich gehe heute noch zu ihm, mittlerweile benutzt er den Rasierer zur Schere und der Laden wimmelt von jungen Männern, die sich höchst elegant frisieren lassen!)  Mehmets Texte und Bücher, seine Fotoausstellungen liessen die Schwierigkeiten der ersten Gastarbeitergeneration erahnen. Ich wurde langsam wach.

Ich lernte beim Leben in dieser Stadt in meiner Nachbarschaft die Kinder der ersten GastarbeiterInnen kennen.

Wieder ein paar Jahre zurück, Mitte der 80er.
Das zweite Aufwachen kam im Studium bei einer Podiumsdiskussion mit Feministinnen aus Afrika und der Türkei. Ohne muslimische Frauen zu kennen, hatte ich das damalige weisse feministische Bild im Kopf "Kopftuch=Unterdrückung=hinteres anatolisches Dorf=wenig Bildung" 
Tja, da gingen mir aber die Ohren über. Die kopftuchtragende Deutschtürkin auf dem Podium war ein Florett, hochgebildet, unglaublich eloquent, schlagfertig, rasant. Meine Hochachtung war groß.

Danach sind viele Jahre hier ins Land gegangen, unsere ruandischen Freunde mussten 1999 auswandern, weil Deutschland sich weder auf eine doppelte Staatsbügerschaft einließ noch unserem Freund, der in Deutschland studiert hatte und bei einer großen Tiefbaufirma Bauleiter war, etwas anderes als eine Duldungsaufenthaltsgenehmigung im Zuge des Ruandakrieges zu erteilen bereit war, verbunden mit dem Nichterteilen einer Arbeitsgenehmigung für seine Frau, die gerne als Lehrerin gearbeitet hätte. Beschissen.

Meine Kinder wuchsen mit türkischen, russischen, polnischen, bosnischen, vietnamesischen, chinesischen, koreanischen, thailändischen, niederländischen, britischen Kindern auf - unser Stadtteil ist der mit dem höchsten AusländerInnen- und dem höchsten Kinderanteil.

Was mich jedoch seit Jahren bewegt und umtreibt (nicht zuletzt als studierte Juristin) ist das Gezacker um die kopftuchtragende muslimische Frau, weiter gefasst um die muslimische Community, die auch 2019 immer noch als fremd und nicht wirklich als gleichberechtigt deutsch anerkannt wird. Im Gegenteil, es gibt politisch wie gesellschaftlich einen nationalistischen homophoben backlash, der mich gruselt.

Was das Kopftuchtheater angeht, ja, ich kenne die Standpunkte von Necla Kelek, von Seyran Ates, ich kenne das Problem der Parallelgesellschaften, der patriarchalen Unterdrückung muslimischer Frauen und Mädchen (und Männer, die genauso gefangen sind in den Strukturen)
aber ich sehe auch die andere Seite, die Seite der gutausgebildeten in Deutschland aufgewachsenen und sozialisierten Frauen, die trotzdem ihren Glauben leben wollen und die kopftuchtragend einfach machen können, was sie wollen, man lässt sie nicht in der Mitte dieser Gesellschaft ankommen! (Ich feiere Jede, die ich in einem Büro, einer Arztpraxis, einer Apotheke, Stadtbibliothek, Kindergarten sehe! Und wünsche sie mir als Chefinnen, in den Vorstandsetagen, im öffentlichen Dienst! by the way: In Canada gibt es kopftuchtragende Musliminnen im Polizeidienst. Geht doch.)

Was mir durchweg fehlt in der Debatte sind die Frauen selbst, es wird über sie gesprochen, aber kaum mit ihnen. Wen das jedoch mehr interessiert, der muss suchen. Ich habe diverses gefunden, sehr spannend, sehr interessant, manchmal vielleicht banal (jedenfalls aus dem alltagsrassistischen weissen cis Blick, haha)  und möchte Euch einige links anbieten, zum Weiterlesen, zum Weiterschauen, zum Kundig machen, zum Nachdenken.

Schon länger entdeckt habe ich die Datteltäter, eine muslimische Comedygruppe, die zum einen direkt aus dem Alltag muslimischer Familien und Jugendlicher erzählt, zum andern Alltagsrassismus zum Thema macht und uns den Spiegel vorhält. So ulkig das manchmal ist, so treffend oft, ist es ein Kanal für Jüngere, mit über 50 bin ich da nicht so wirklich die Zielgruppe.

Eine der Datteltäterinnen Esra Karakaya hat ein eigenes Format aufgelegt: Black Rock Talk, weil sie sagt, ich sehe mich, meine Community, unsere Themen nicht in den herkömmlichen Talkshows, nicht in den öffentlichen Narrativen. Ich sehe und höre uns nicht. Also habe ich es selbst angepackt. Eine Talkshow gestartet. Gäste sind Menschen mit Migrationshintergrund, aus den unterschiedlichsten Kulturen und Berufen, die Themen sind weitgefasst, die Runden interessant, nicht zuletzt weil ausschliesslich aus der Community getalkt wird. Es geht im weitesten Sinne um die Diversität, die in unserem Land gelebt wird, die wir aber in den Medien so nicht zu sehen bekommen.

Ebenso sehenswert sind die Kurzfilme des Formats Polyglot. 

Toll zu lesen mit unglaublich vielen aufschlussreichen Artikeln ist das deutsch-türkische Kulturmagazin Renk (türkisch für Farbe).

Wer Zeit online liest, kennt die Kolumne von Mely Kiyak .

Über den deutschen Tellerrand hinaus: (ja, ich weiss, in anderen Ländern ist das Kopftuch abzunehmen ein hochpolitischer und gefährlicher Akt!) Eines der für mich wichtigsten Nachrichtenportale ist Quantara. Quantara ist das arabische Wort für Brücke. "Dialog mit der islamischen Welt" ist es untertitelt und berichtet in/aus/über alle möglichen Facetten aus Nahost (auch über Deutschland - grins). Lesenswert sind auch die Begegnungen der arabischen mit der jüdischen Welt.

Noch was? Wer Vorschläge hat, kann sie gerne in die Kommentare schubsen.





1 Kommentar:

  1. Deine Sichtweisen, Erkenntnisse und Entdeckungen tun gut. Lieben Gruß Ghislana

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Wie war das - für Blogger sind Kommentare wie der Applaus im Theater - na denn, tut Euch keinen Zwang an! Ihr dürft pfeifen, trommeln, klatschen.... mit Euren Kommentaren isses hier nicht so einsam. Danke!
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