Sonntag, 19. November 2023

wir leben in unruhigen zeiten

 wie leben in unruhigen zeiten.

was nicht verbrennt

wird davon geschwemmt von tobenden flüssen, sturzregen.

wer nicht verhungert, verdurstet, ertrinkt

vor der festung europa, 

die selber im inneren brennt,

bleibt auf jahre gestrandet in zelten

ohne aussicht auf zuflucht und frieden

- und die nationalisten geifern schon wieder gegen jeden, der schutz sucht,

träumen von deportationen und reichskristallnächten II.

wir leben in unruhigen zeiten.

so wenig wespen war'n nie

und die mauersegler flohen den nasskalten juli.

jeden schmetterling, der nicht kohlweissling war,

begrüßte ich freudig,

auch den nachtfalter am morgen, der in der beuge der jacke schlief.

wir leben in unruhigen zeiten.

die freund:innen, deren haut dunkler ist und deren name kein müller, schmitt oder heinz,

egal, ob sie zwischen den gleichen mauern geboren und leben wie ich,

diese freund:innen haben den koffer gepackt,

jenen kleinen, neben der wohnungstür, 

mit den geburtsurkunden der kinder, fotos der eltern, medikamenten, pässen und bargeld.

mit adressen von freunden, verwandten und liebsten in sicheren ländern.

unser land ist ihnen nicht länger heimat.

wir leben in unruhigen zeiten.

noch brauche ich keinen koffer,

noch schützen mich name und haut,

noch denke ich unbesorgt laut

wo andere fürchten um leib oder leben, um freiheit.

wir leben in unruhigen zeiten,

teilen die kriege in gute und schlechte ein

und vergessen darüber die menschlichkeit.

wer ficht die kriege gegen unterernährung und wassernot? 

gegen die knebel aus saatgut+dünger+gift,

das die schädlinge in resistenzen, 

die menschen in hunger und die bauern in selbstmorde treibt?

wir leben in unruhigen zeiten,

wo der ewige frost aufhört ewig zu sein

und methanblowouts, schlammlawinen und milzbrand

vorgeschmack auf eine von vielen apokalypsen entbieten;

wo rottende, rostende gift- und atomfracht in meeren

sich anschickt, schleichend alles zu töten.

wir brauchen die reiter der apokalypse nicht.

wir töten uns selbst. 

 

© eva becker, 19.11.23

Samstag, 23. September 2023

gesammeltes

 am freitagnachmittag von der arbeit wegfahren. nein, nicht heim. mit dem rad über die kaiserbrücke, im kasteler feld herummäandern bis zur ochsenquelle, eine weile auf einer bank lesen und schlafen unter wolken und dem blätterdach dreier platanengöttinen. wieder wach in der sonne den steifen rücken wärmen, hernach klares kaltes quellwasser mit der hand zwischen den wasserläufern schöpfen und weiterrollen. die anspannung der woche loswerden. feldwege, gärten, neubaugebiete, kleine hohlwege. sonne trinken. aus der überfülle von hagebutten und weissdornbeeren schalen füllen, brombeerblätter sammeln (autsch sind die pieksig hinten)

 

am abend erfrischt, mit wachen sonnenaugen, blättermund und sprudelnder ruhe

heimkommen.

 

die alchemie geht weiter.

oxymel eins, mit thymian, salbei, oregano, kapuzinerkresse, ingwer, honig, apfelessig abfiltern, verkorken. boh, der salbei knallt.  hustenoxymel.

oxymel zwei mit weissdornbeeren ansetzen. herzstärkend.


hagebuttenoxymel. immunbooster, vitamin c.

 

die schiere notwendigkeit, angesichts tagundnachtgleiche und den dem dunkel zuwachsenden tagen, licht zu tanken, zu schlürfen, schlucken, aufsammeln, im herz bewahren, im inneren auge, im herzfeuer, im ich. 

nach dem reichsbürgerfahnenirrsinn im kleingartenvorstandsgarten diesen sommer, angesichts  einer unsäglichen partei, der allzuviele menschen sagbarkeit unerträglicher sachen antragen, angesichts nicht endender kriege, hungernder menschen am horn von afrika, jemen, burkina faso, afghanistan, sie können die liste beliebig fortsetzen, protestierender frauen in iran, denen mord, folter, vergewaltigung tagtäglich angetan wird (und den männern ebenso), angesichts erdbeben, dürre, überflutungen, einer bundesregierung, die die klimaziele krachend verfehlt und blöd rumlaviert,  bin ich dankbar für das licht, jeden morgen das licht und versuche es weiterzutragen.

bitte spenden sie an: ärzte ohne grenzen, tuisa hilft, oxfam, maldusa.org, proasyl, wer auch immer hilfe bringt, verteilt. sie können die liste gerne ergänzen.

bleiben sie wachsam, deutschland hat es laut amnesty international auf die unrühmliche liste steigender repression gebracht durch repressive gesetze, polizeigewalt und versammlungsverbote.

halten sie unsere demokratie nicht für selbstverständlich und einen sommer, der sie mit dürre oder überschwemmung verschont hat, ebensowenig. der klimawandel verbrennt uns den arsch oder lässt uns absaufen.we have no planet b.

bleiben sie freundlich, küssen sie ihre lieben, (oder rufen sie wenigestens an), pflegen sie ihre freundschaften (ich weiss, die to do listen sind lang, legen sie sie mal weg bitte)  denken und handeln sie demokratieschützend. fängt im quartier an. 

lesen: die schönheit der differenz von hadija haruna-oelker (war eine schöne lesung in mainz!)

alle zeit von tessa bücker (kommt im november nach mainz!)

podcast hören: im aufzug mit raul krauthausen und tadzio müller

trauer und turnschuh mit haruna hadija-oelker und max czollek

daniela sepehri und gilda sahebi zu iran 




Samstag, 22. Juli 2023

Im Sand

Im Sand *

Durch das Tor tretend,
das den lichten Wald vom Dünenfeld trennt,
durch die grau verwitterte Grenze
aus mächtigem Totholz,

sehe ich
gegenüber, dort, wo die Dünenlandschaft sachte ansteigt,
meinen Weg.

Schmal ist er, eng,
fußbreit höchstens.
Rechts und links
zweigen Furchen ab, Rillen.
Beginnend mit einer winzigen Welle
laufen sie links und rechts
gleichmäßig aus
in magere Grasrippenbögen.

Angelangt
ziehe ich meine Schuhe aus.
Setze Fuß vor Fuß
Schritt für Schritt
in den Sand.
Gehe
Ballen zu Ferse zu Ballen
behutsam
auf dieser Wirbelsäule
der Erde.

Spüre Sand
glatten Stein
Wärme
trockenes Erdreich
in Kuhlen gespeicherte Kühle
Regen vom Vortag.

Ein Stein ragt heraus
halbrund, spitzig am Ende.

Wirbelknochen.

So trage ich ihn in der Tasche.
Erinnerung
an meinen Gang
Fuß vor Fuß
auf der Wirbelsäule der Erde.


19. Juli 2023


* Mainzer Sand, Naturschutzgebiet mit Binnendünen und Steppenvegetation




Samstag, 29. April 2023

Hermana yo te quiero

 Für alle Frauen Schwestern

https://www.youtube.com/watch?v=oeU7rb-dBow


ich höre es sehe es zum werweisswievielten Mal und heule immer wieder

Mittwoch, 26. April 2023

free jamshid sharmahd

 nach 1000 tagen in isolationshaft, folterung und ohne kontakt nach aussen, wurde Jamshid Sharmahds todesurteil in iran nun bestätigt. er kann jederzeit hingerichtet werden. er ist deutschiraner - der mit deutschen pass vom geheimdienst der islamischen republik entführt wurde und seither gefangen gehalten wird. 

seien sie laut, teilen sie die entsprechenden petitionen 

https://linktr.ee/sharmahd

https://www.change.org/p/save-jamshid-sharmahd-jamshid-sharmahd-darf-nicht-hingerichtet-werden-abaerbock-auswaertigesamt-miro-spd-freejamshidsharmahd

 


Freitag, 21. April 2023

Himmelsspektakel

 

Das Gewitter zieht von hinterm Haus 


spektakulär und theatralisch übers Dach



knutscht die oberen Kastanienkerzen

 
und zieht vors Haus um
 

 bis es abtaucht.

Als es schon wieder heller wird, stapeln und verfielfachen sich plötzlich Donner, Flugzeugimlandeanfluglärmen und einsetzender Regen auf Hofgaragenblechgedöns

Wuuuusch

Sonntag, 16. April 2023

meine freundin geht auf ihre letzte reise

ich sehe zwei krähen auffliegen

sie landen nebeneinander wippend auf dem zaun, sehen sich an, eine streicht ab.

 

ich sehe das sonnenlicht gleissend auf dem rhein

und den himmel fast weiss. 


ich sehe blühende veilchen, ein büschel,

gewachsen auf angewehtem humus in einem baumknubbelknie

in einem langweiligen vorgarten unseres viertels.


ich sehe ein dünnes reis feuerdorn mit ein zwei drei blättern

gepflanzt in eine heckenlücke am wegrand in der josefstraße.


es ist der 14. april 2023. ich sehe, was du nie wieder sehen wirst, an, als sei es neu. 

ich erzähle dir meinen weg durch unsere straßen in gedanken, während du in deinem krankenbett dem tod entgegentreibst. schlafend. wortlos. beim erwachen verwirrt, bis dein blick fokussiert und zuklappt, weiterschläft. der anderen seite entgegen.

ich danke dir für 23 jahre und 4 monate freundschaft, küchengespräche, spaziergänge, juristisch-politische diskussionen, rückendeckung, unterstützung und hilfe, lachende zupackende frauensolidarität, ehrliche fragen und kommentare, und all die jahre deiner liebe zu meinen kindern.

ich danke dir für dich, liebste freundin

immer für dich

Sabine

danke

 

gute reise