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Donnerstag, 27. November 2025

was würde geschehn

 

Nebelgeniesel, 7. November, 5  Grad, die Wege sind blätterfallgolden, wo sie noch nicht Matsch  sind. Ich berechne jeden Morgen den Bremsweg neu, um  nicht mit dem Rad auf die Schnauze zu fliegen. Die  Rabenkrähen auf  den Mobilfunkantennen quasseln  und kakeln  und fliegen Bäumchen wechsel Dich.  

Die Bettlerin vor dem Supermarkt  hat sich in sich gekauert, buchstäblich zusammengefaltet  auf ihre Tasche  gesetzt. In der Schale vor sich ein paar Münzen. 
Hast Du  ein Dach über dem Kopf, eine Dusche, ein Bett? Dein Haar glänzt gewaschen, Deine Augen sind stumpf. Ich versteh Deine Sprache  nicht, überlasse Dir Münzen.  

Wir treiben   wir treiben

Aufstehn,  Frühstück oder auch nicht, je nach Laune  und Magen, Kaffee, Zigarette oder lieber ein Smoothie? Mein Schwager schmiert Stullen mit Nutella,  um sie im Auto auf dem Weg zur Arbeit zu  mampfen. Ich klappe zwei Scheiben zusammen, brummt er. Nee Papa,  ruft hell seine Tochter. Vier.  Du klappst vier zusammen. Joo, stimmt, es sind vier. Aber Toastbrot zählt nicht. 

Wir  taumeln wir treiben

Hier hat mal Eine von Euch in  einem Text die Frage gestellt:  Bin ich jetzt erwachsen? Fühlt sich so erwachsen  sein an? Und es klang nach: Geht das jetzt immer so weiter?

Eine Freundin hat einen Fehler gemacht. Einen Fehler  aus Trauer und Liebe. Einen Fehler, der  sie nun, 3 Jahre später, 140.000 Euro ans Finanzamt  kosten  soll. Ein Betrag, den  sie  bis an ihr Lebensende  niemals zahlen  wird können.  
und  was jetzt? Privatinsolvenz? Mit Mitte 50?

Ein Bekannter aus  alten Tagen, der mir - zur Freude der Kinder anarchisch und wild - manchmal auf die Kinder aufgepasst hat, ist aus dem Thaddäusheim in eine ObdachlosenWG gezogen.  Glück gehabt, denke  ich, besser als Parkbank. Eine insolvenzbedrohte Freundin nimmt ihm maßlos übel,  dass er nicht weiterkämpft für eine eigene Wohnung, für einen Job. 

Wie nah  wir dem Absturz  sind, wie  wenig  uns trennt vor dem  Ende. Dem Ende der eig'nen  Beziehung, dem Ende des Mietvertrags, des Jobs, des Vertrauens, dem Gesundsein, dem Ende der Liebe des Lebens. 

Wir treiben    wir taumeln

Dieser Sommer hat es gut gemeint mit uns dieses Jahr, mit dieser Stadt, nur wenige Tropennächte, kein Erdrutsch in Finthen, keine Überflutung am Rhein,  kein tagelang endloser Regen. Und wir vergessen. Richten uns  ein.  Und vergessen die Anderen, die  es tagtäglich trifft, die  uns stündlich, minütlich in unsere strahlenden Rechtecke gespült werden, vergessen, dass sie echt sind, ihr Leben auf der  Kippe steht, hungrig, zerbombt oder weggespült, amputiert, heimatlos, Ernte zerstört wisch L'Oreal beutet Brasiliens Carnaubawachsbauern aus wisch eine Katze reitet auf einer Schildkröte wisch die nicht-to-do-liste für  den Monat November im  Garten wisch Sudan oder Gaza zerbombte zerstörte Städte von oben wisch  New  York  hat den ersten muslimischen Bügermeister wisch Fritze  Merz  passt  nicht in mein  Stadtbild wisch sieben Meerschweinchen auf einer Rutschbahn

Wir  trudeln wir treiben

tun alle Tage das  Gleiche, dazwischen ein Fest, ein  Besuch, noch ein Urlaub, kleinere Katastrophen, aber Hey, alles geht vorbei, Die Zeit heilt alle  Wunden, Es ist ja nur  Geld, Meine Frau wird befördert, der Kleine ist besser geworden in Mathe,  der Kollege noch immer ein egoistischer Arsch

wir trudeln wir treiben

Wird uns schon nicht treffen, Augen zu und durch, Wird schon nicht so schlimm, Warmzeiten hat es schon immer gegeben, Der E SUV wird erst im Januar geliefert, wir  bauen uns jetzt eine Wärmepumpe ein  und ihr?

Wir haben eine Mieterhöhung bekommen und mit der Rente, dem Job und ohne den Zuschuss  der Schwiegermutter können wir sie nicht mehr zahlen. Meine  Schwester hat Krebs und ein Freund liegt im  Sterben. 
 
Die Bettlerin  vor dem Supermarkt  hat  sich in  sich gekauert, buchstäblich zusammengefaltet  auf ihre Tasche  gesetzt. In der Schale vor sich ein paar Münzen. 
Hast Du  ein Dach über dem Kopf, eine Dusche, ein Bett? Dein Haar glänzt gewaschen, Deine Augen sind stumpf. Ich versteh Deine Sprache  nicht.
Was würde geschehn, wenn  ich sage,  komm, lass  uns essen, ich lade dich ein, Suppe, geröstetes  Brot, etwas Warmes im Bauch, ums Teeglas die Hände. 

Wir erzähl'n uns Geschichten. Sie müssen nicht wahr sein. 

7.-9.11.2025
 
Gelesen beim Open Stage Altstadtgeflüster im November. 
 
copyright  definitiv und einzig  bei mir! 
 
 
 

Dienstag, 9. September 2025

riechen

am abend  verkohlt uns eine kamikazemotte auf der  herdplatte.  es raucht.  der mann flaxt "brennende motte im  abendrot" und schnipst sie beiseite.

ich deklamiere  feierlich "brennende motte im abendrot. ein gemälde aus dem nachlass von karl emanuel hotzenbümpf. karl emanuel hotzenbümpf ist der wohl  bekannteste vertreter der 'niedersächsischen moderne' aus dem jahren  1972-73. einem  malzirkel, zu dessen engstem kreis auch liselotte  loh und josef  weintraub gehörten. 

die drei bildeten für wenige stürmische monate die später so  genannte 'brennende künstlerkolonie schafhauser hüttchen' bei folstenhausen (vor der eingemeindung). an einem herbstabend bei einem komplett bekifften gruppentreffen eskalierte  ein streit um eine tube chromweiss derart, dass dank des gebrauchs von joints und terpentin  alle künstlerhütten komplett abgebrannt  sind. karl emanuel hotzenbümpf malte in erinnerung an jenen denkwürdigen  septemberabend  das hier vorgestellte gemälde, weil er, wie er oft wiederholt hat, im bekifften kopf die umhersegelnden  ascheflocken  hunderter skizzenblätter für brennende motten hielt und singend darunter herumtanzte, bis ihn die ortsfeuerwehr folstenhausen einfangen und mit einer hochgradigen rauchvergiftung ins kreiskrankenhaus einliefern  konnte. 

ursprünglich war das gemälde als geschenk für die notaufnahme des kreiskrankenhauses  gedacht, die es aber als zu makaber  ablehnte. "

"boah  stinkt das!" ningelt der mann dem ascheflöckchen hinterher. 


fußnote: liselotte loh wandte sich in ihren späteren jahren dem kunsthandwerk mit lötkolben brandverzierter holzbrettchen zu.  josef weintraub wanderte in den achtziger jahren nach nordfinnland aus und malt seitdem nur noch in weisstönen. 



Montag, 8. September 2025

hören

 regen. 

vorher der wind,  der ihn ankündigt. in  den  ritzen der klotür orgel spielt. türen  knallt. die  bäume schüttelt und mir in der küche  vom balkon  her blättchen  wilden  weins hereinweht.

dann einzelne tropfen, schnell ein  rauschen. döng macht  ein einzelner tropfen, der vom  oberen balkongeländer  auf  die rostige konservendose platscht, die auf einem stöckchen , seit jahren tauben  abwehrend in meinem blumenkasten  steckt. döng.  

wenn  die wilde grüne wand aus  wein im sommer  verblüht - das wispernde geräusch mit dem hunderte blütenblättchen herabrieseln.  

abends am fluss. zärtlich  titschernde kleine wellen, kies, muscheln und  sand vor sich her und wieder zurück schiebend. das unablässige pitschern und tropfen fingergroßer silbriger fischlein, die mückchen  fangend  aus dem wasser schnellen, in endlosen wasserkreisen wieder zurückfallen.  ein glitzernder tanz in  der dämmerung.  

gänse und enten sammeln sich an  den schlafplätzen, putzen sich, gefieder wird gefettet und raschelnd zurechtgerückt. 

am morgen und abend  die krähen in  ihren  schlafbäumen. quacksendes kwietschendes schnurrendes kakelndes vogelpalaver.  

in der pappel im garten sammeln  sich  am abend  stare. du siehst sie nicht. nur  wenn  einer  mit seiner  charakteristischen  flügelform vor dem himmel flattert. vögel in allen zweigen. 15, 20 minuten lang ist der gesamte  baum  erfüllt von  ihrem geplauder.  

abgelöst werden sie von  den halsbandsittichen, die, grüne kreischende geschwader,  durch die gärten fliegen. 

 

wer aussser mir hört das sirrende rauschen in meinem kopf?

 

vergessen sonnntag hochzuladen.  

 

Samstag, 6. September 2025

spüren

tanzen in  einem raum mit schwingboden 

hinlegen und spüren - musik und das beben des bodens je  nach  bewegung  meiner mittänzer:innen unter und in mir 

anlehnen an die wärme einer sandsteinwand. am liebsten würde ich  hineinsinken, meine  haut in den körperwarmen stein einschmelzen einfließen lassen und darin verschwinden. 

mein gesicht mit geschlossenen augen in den nebel des gartenschlauchs halten

im hof meines sohnes ein moosnest.  insekten wohnen darin, unter meiner hand vibriert es ganz  leise.

meine hände  auf  die rauhe duftende harzige rinde von kiefern pressen, bis sich rindenmuster und klebriges harz in meinen handflächen abzeichnen.  skin  of non  human  people. 

bei den sandbänken in fluß waten.  immer wieder wird  der rhein unterschätzt, die strömung ist stark und reisst  auch geübte schwimmende fort. kreist in  der nacht der hubschrauber über  dem  fluß, wissen wir,  da hat wieder jemand besoffen  zu  baden versucht. diesen sommer sprang  sogar ein mann von der theodor-heuss-brücke. KEIN  selbstmordversuch.

an glühenden  tagen, wenn  der fluss niedrig steht, reichen die sandbänke hinter laubenheim  bis  weit über  die  mitte des stroms. der schiffsverkehr findet  drüben  statt, auf  der hessischen seite.  

durchs wasser  gehen,  von sandbank  zu sandbank. um die knöchel der rhein. erst kühl, dann wieder körperwarm, kühler,  plätscherig niedrig, bis zu  den  stellen, wo er mir an die hüften geht,  ich  in  die hocke gehe und nass wieder  hochkomme. im sonnenlicht stehen bleibe, abkühlend. schaue  den  vögeln  zu, die sich auf anderen sandbänken sammeln. der sog, der an  den beinen  schubst,  mit  dem das wasser mich hebt, sobald ich es zulasse. vorsichtig. treiben lassen bis  ans andere ende der sandbank. sehe den kindern zu, die, mutiger als ich, an tieferen  stellen  schwimmen und  tauchen.  kommt ein  frachter vorbei, schaukeln wir genüßlich in und mit den rollenden kielwellen. 

setze  ich die brille ab, ist es fast wie am meer.  

 

spüren. spuren.  

was ich spüre, berühre, anfasse, betaste, wiege, hebe, befühle, mich verletze, verbrenne, verbrühe,  streichle, zwischen den fingern  zerreibe, kose, ribbele, kratze, kraule und raufe. wie ich  spüre gräbt tracks in meine nervenbahnen, vertieft sie oder bildet ganz neue. lernt alte verlernen. zieht spuren im nervenendengewitter. die einen verglühen ganz  schnell, andere leuchten. 

mir  gefällt die vorstellung, dass was ich mit den dem aussen zugewandten teilen und flächen des körpers haptisch erfahre im hirn leuchtende funkelnde knisternde aufglühende spuren und wege zieht.  

 

 

Freitag, 5. September 2025

auge

 auge

schnell schnell gucken lesen zappen scrollen

schnell schnell

schalt mal runter

sieh

den  klecks glitzerkleber auf asphalt, der grünblau schillernd den  boden zum leuchten  bringt

einen  pinsel, verloren  gegangen, hey, der ist schön - ich  laufe  den  rest des  abends mit  einem  pinsel im  haarknoten  herum 

 

morgens auf  dem weg am fluß sonnenlicht  in  silbersprenkeln auf  dem wasser

weisse  federschiffchen, möwen, schaukeln mit der strömung

ein kormoran taucht ab

die schwäne, die an  der marina ihr revier  haben, dümpeln  wie  dicke federkissen

ein angler

meine unbekannte bekannte radfahrerin, der ich fast allmorgendlich  begegne, wir fahren in  entgegengesetzte richtungen, sieht mich  drehend  und dehnend unter der trauerweide  stehen und hebt grüßend die hand 

 eine junge frau trägt rosa kopfhörer mit katzenöhrchen 

 an  einem andern  tag eine schülerin  im bus, rosa cropsweat, rosa joggbermudas, rosa socken, eine grasgrüne kniebandage und die löckchen über der stirn in zwei  akkurate kringel gedreht, anmutig wie eine flamencotänzerin  

abends im sand auf  der lichtung stehen,  in der zeit, die das licht braucht, bäume, wiesen und wege von grün und  braun  und gelb in scherenschnitte vor flammendem westhimmel zu verwandeln, drüben ein  halber mond und die fledermäuse sausen  zick zack jagend  um uns  her. 

augen schliessen und auf den regen lauschen 

Donnerstag, 4. September 2025

30dayproject 30 Tage Projekt . Sinne. Gleichgewicht

 Sinne

sinnlich

senses 

sensual  

sensitiv

 

ich möchte wieder schreiben und ich möchte eine kontinuität entwickeln (die ich gelegentlich in meinen tagebüchern habe, aber auch da gibt es brüche und pausen) und ich möchte konsistent bleiben.

wie wäre es mit den sinnen. schreibe entwickle denke nach über sinne. wahrnehmung. fühlen. riechen. schmecken. hören.

 

gleichgewicht.

 

gestern ein termin mit sohn und architekt im alten häuschen, das ein kondensfeuchteproblem hat, im winter schimmel bekam an zwei aussenwänden und seltsames mycel unter der plane, die den fußbodenbelag vom asphaltestrich trennt. wir haben diverses besprochen und ein paar szenarien, wie man am besten weiter vorgeht, entworfen. 

später fragte ich herrn b ob er uns bei der regenrinne bzw dem überlaufenden fallrohr helfen könne. wir standen draussen, er löste schrauben, r. stieg aufs kellerdach, löste die anderen schellen.

 

ich stand unten und sah senkrecht am giebel hoch, auf dem die sonne stand. leuchtender putz. blendend  hell. darüber ein herbstblauer himmel - septemberblau - mit ein paar frisseligen verwehenden weissen wolken in fetzen. ich spürte, wie mich die bewegung der wolken, die leise hinter dem giebel verschwanden, narrte. zu narren begann. gleichgewichtssinn. verwirrt durch den anblick von verschwindenden wolken hinter einem statischen gebilde und das gebilde beginnt zu wandern. zu ziehen. das haus zieht. nicht die wolken. es schiebt  sich hin zu mir. ich biege mich weg. möchte nicht fallen.

ich denke an christof ransmayrs buch der fliegende berg, in dem er erzählt, wie die einheimischen die berge betrachten, die hinter wolken verborgen sind und gelegentlich auf und wieder abtauchen. fliegende sind. fliegende berge, die sich vielleicht entscheiden auf einem rücken der erde platz zu nehmen und sichtbar zu werden. wenn sie nicht sichtbar sind, weg sind, sind sie fort geflogen.

 

ich denke ich werde öfter auf dieses buch zurückkommen. zu vieles darin hat mich tief berührt. 

 

diese verwirrnis jedoch, gestern nachmittag, einen moment lang, ehe ich den kopf abwandte und den nacken ausschüttelte, um dieses seltsame nein nicht bedrohliche aber sinnverwirrende gefühl loszuwerden abzuschütteln, den blick wieder an festem auszurichten, boden, pflastersteine im löwenzahn, das fallrohr in meiner hand, mich erde. 

am nächsten morgen fahre ich bus. was ich selten tue, aber mein rad steht noch am bahnhof, ich muss es holen um damit zur arbeit zu fahren. wenn der bus über die kopfsteinpflaster hoppelt, rumpelt es. ich spüre es in meiner wirbelsäule, meinem magen und in meiner blase. denke an den fliegenden berg und dass ich anfangen muss.

schreiben. 

aufmerksam bleiben.  

Sonntag, 22. September 2024

Die Vögel und immer wieder die Vögel

Während ich  schreibe, blechtippeln gegenüber die  Tauben im Sonnenlicht auf dem Rand der höchsten Regenrinne. 


Ausflug nach Neuwied, die Heimat des Mannes besuchen. Wir gehen lange am Ufer entlang,  bis zur Wiedmündung und  über schattenfeuchte Wiesen  zurück.  Am Ufer  eine kleine Herde Enten, ein, zwei Nilgänse dabei und eine Kanadagans in der Mauser, der ein  paar fleddrige Flügelfedern bizarr aus dem Gefieder herausstehen. 


Im  Zug fahren wir in einen  sinkenden  Abend.  Herrlicher  Himmel.  Das  Samtrot  des Sonnennuntergangs streift noch feuriges Gelb, das sich nach oben über orange-apricot-mintgrün zu türkis und  petrol in der sich verdunkelnden Kuppel verwandelt.  Im brennenden Orange zieht ein großer flacher Keil  Zugvögel.


Neulich am Morgen betrete ich den Hof,  als vor mir ein Wanderfalke  abhebt. Er hat eine Taube in den Krallen, hält den Schwanz  schwer navigierend  hart nach unten. Ich sehe jeden Tüpfel jedes Muster auf den schönen Federn. Mit seiner Beute saß er auf einem Stapel auf dem Tisch liegenden Kissen  und ich störte sein Frühstück. Nun muss er den kurzen Weg über Hof und Hintergärtchen mit der Taube schaffen, genug Flughöhe zu gewinnen. Ich bin betört.  Einer der  Falken  der nahegelegenen Kirche vermutlich. Sie nisten  seit Jahren dort, der Küster passt auf.  Auf den Kissen ein paar gerupfte Federn und Flecke frischen Blutes. 


Morgens auf dem Radelweg am Fluss entlang Flugverkehr über mir.  Von Osten fliegt ein kreischender Trupp Halsbandsittiche  Richtung  Stadt, in  die andere Richtung wenige Meter tiefer zwei Rabenkrähen, weniger gesprächig. Krk. Im Wasser Kormorane auf  Jagd,  Schwäne schaukeln herum. Auf den Ufertreppen dösen Tauben in der Sonne,  dazwischen  die eine oder  andre schmal aufgerichtet aufmerksame Jungmöwe mit schwarzen Beinen und Käppchen, bereit, jederzeit aufzufliegen. Oben segeln die großen Geschwister über dem Fluß. 

Nachmittags fallen auf die unkrautbewachsenen Schultern der Erdhaufen Distelfinken ein, Säämchen sammelnd und knuspernd, Sperlinge auch.  Über den Weg knickst eine Bachstelze.  


Vor ein  paar Wochen kobolzt die letzte Brut Blaumeisen durch den Hof. Fünf Winzlinge  purzeln durch die Heckenrose, die sich über zwei Höfe spannt, sammeln sich auf meinem  Blumentisch, schaukeln an Pflanzen und Stöckchen. Jeden Nachmittag tropfen sie wie bunte  Federbällchen in das wilde Rosengeheck, turnen, piepen, klettern, fliegen tiefer bis in die Pflanzen, den Tisch und zum Vogelbad.  Eines beginnt mit Trinken  und Plätschern,  das Zweite hüpft mit herein, ein Drittes bleibt zweifelnd auf dem Rand sitzen, trinkt nur. Vier und Fünf hampeln lieber durch die Blumentöpfe, landen schwerelos elegant seitwärts an Stöckchen und Stangen. Ich liebe dieses Gekasper und Gewusel! Ein herrlicher wildgewordener Meisenkindergarten!


Vor und nach Sonnenuntergang das Gekakel, Lärmen und Schwatzen der Krähen.  Sie gurren, grunzen, krächzen, quietschen, schnattern, fiepen, grollen.  Ich stelle mir vor sie erzählen den Tag, sortieren Schlafplätze und diskutieren die Zugrouten.  Am Morgen wache ich mit einem  Lächeln von ihrem Gequassel auf und sehe ihnen am Abend zu, wie sie in großen Trupps durch den weit über uns noch abendhellen  Himmel zu  ihren Schlafbäumen fliegen.  Unten bei uns sind die Bäume schon scherenschnittschwarz und die Fledermaus jagt. 


Zwischen Wachen und Schlaf begegnet mir ein alter Kindertraum. Ich gehe die Straße entlang und gleite mühelos in die Luft. Die Beine nach hinten, Arme am Köper liege ich waagrecht  und fliege meinen Weg. Nicht sonderlich hoch, aber eben nicht mehr dem Boden verhaftet. Auch in geschlossenen Räumen. Der Spaß unter der Decke zu  kreisen und nicht gesehen zu werden.  Denn wer hebt schon den Kopf? Im Michwiederhineinträumen das vergessene  kribbelnde Gefühl in  Füßen und  Bauch. Ich  kann  fliegen!  

Und ihr?


Freitag, 29. März 2024

Harte Zeiten

Die Stadt ist voll gehängt mit Werbeplakaten für eine Großspinnenausstellung. 

Harte Zeiten für Arachnophobiker. Auffahrunfälle an Ampelkreuzungen oder mit geschlossenen Augen in der Fußgängerzone Roller fahren. 

Nachts schwarze Farbe und Kabelbinderkneifzangenmassaker.

Das geplante Opferfeuer hinter dem Ende der Straßenbahngleise fällt aus. 

Niemand will die Plakate so nah am Körper hintragen. Wer weiss, ob sie nicht -

 

 Am nächsten Tag fahren wir Riesenrad. 

Sonntag, 19. Juni 2022

gelb und die götter des fastfood. work in progress

I
Ich denke Gelb. Denke Regenmantel und Ei, Banane, flauschige gelbe Küken, denke Sonnenstrahlen im Kinderbild, denke Löwenzahn.
Schließlich drifte ich ab mit den Pusteschirmchen des Bocksbarts mit seinen Schirmchenkugeln wie Löwenzahn groß hoch drei, drifte ab zu den winzigen Bienen im Johanniskraut (denke kurz Gelb) und bleibe hängen an drei albernen Jungelstern, die auf dem Dach der Nachbarhütte haschmich spielen. 
Gelb. Ich habe noch ein paar Buchseiten vor mir, Gelb, wir tauschen untereinander. Jede schreibt, zeichnet, malt, collagiert ein paar Seiten und am Ende haben wir sehr verschiedene Unikatbücher in Gelb.
Aber die Gedanken sind unruhig und schaukeln davon mit den Schirmchen.
Ob das Haferwurz sei fragt die Freundin. Ich weiss es nicht. Der Himmel ist weiß vor Licht. Die Hitze glüht auf meinem Scheitel, meinen Lidern, pocht in Rot, pocht und der Kopf knickt ab, leise, leise fliegt er davon, lässt sich treiben wie ein halbleerer Ballon, der schon taumelt, wie ein Haferwurzbocksbartschirmchen. Das Hirn schaltet aus, was es sonst tut, hören, sehen, Sätze bilden, Gerüche sortieren, treibt, eine schwimmende Walnuss im Schädelballon, der verliert Luft und bleibt irgendwo hängen, wo es schattig und kühl ist, unter den Bohnen vielleicht, wo die Erde nass ist, weil frisch gegossen. 
 
II
Die fast food Götter flackern mit ihren Neonröhren über der Theke. Hinter mir dröhnt der Verkehr. Wenn die Ampel umspringt, brummt der Boden unter den Füßen und im Kühlschrank titschern die Flaschen. Ich kann es hören, wenn ich den müden Kopf an die Glastür lehne. Dann sirrt das Titschern in meinen Zähnen und rutscht mir kühl in den Bauch.

Serviettengirlanden und leere Pappschalen säumen den Weg zum Altar. Ich ziele Kleingeld in einen hingehaltenen Becher. Ob ich den richtigen getroffen habe?
Die Neonröhren blinken hektisch und gehen aus. Erst im Dunkeln wage ich mich auf die Straße.  Stoßstange über Stoßstange tanze ich zur anderen Seite, die duftende Tüte an die Brust gepresst, meine weit ausgebreiteten Nasenflügel halten den Schädelballon senkrecht. Ich sabbere.

III
Das Blinken und Hupen verklingt, je weiter ich mich von der Straße der Götter entferne, abbiege unter Linden, deren Blätter und Duft das Leichenlicht der Zebrastreifenlaternen schluckt. Im Park setze ich die Tüte ins Gras.
Wie warm mein Bauch, meine Brust, schwitzige Hände. Wische den Sabber vom Mund, ratsche die Papierhüllen auf, reisse Bissen ab, schlinge, verschlucke mich, huste die Brocken aus. Langsam! Langsam, ermahne ich mich. Nach ein paar Schlucken wird die Gier etwas milder. Ich wische Soße vom Kinn, trinke Wasser und füttere behutsam, mit aufgeweichtem Brot und zermatschtem Gemüse, den aus dem Nest gefallenen, geflüchteten Jungvogel, der ins Gras gekauert aufgewacht ist und schreit, sich hochreckt, den Schnabel aufsperrt und bettelt. 

IV
Das nasse Gefühl am Finger im hungrigen Vogelschlund, der das Futter absaugt, schluckt, wieder schluckt, die letzten Tropfen aus der Wasserflasche schluckt, schliesslich in sich zusammensinkt, ein müdes, kurzfristig sattes Händchen voll Tier. 
Die Götter des fast food klatschen Beifall. Wieder ein Opfer, ein Süchtiger, ein Gläubiger mehr, angefixt mit Zuckerpappebrot, Wassersalat und geschmacklosem, grannysmithhartem Tomatenersatz. Geweiht mit allheiligmachenden Soßen, chilliepulvergesegnet. Hosiannah. Alle Wege zum Tempel duftend gemulchter Röstzwiebelchrunch. "Schnauze" murmle ich ins beifallraschelnde Dunkel, lutsche die Soße vom Papier, knülle es mit Einmalservietten, Plastiktüte und Alufolie zum Ball, strecke mich neben dem Vogel aus. Schlafe. 
 
Träume in gelb.








19.6.22  nicht nur, aber auch, für Marina










































































 




Donnerstag, 5. Mai 2022

dreckwegtag

 "niemand hat gesagt dass es einfach ist." georg stupste ivo in die seite. "nun mach schon, sammel den dreck auf und pack ihn in den müllsack".
ivo zögerte. er war grün im gesicht, der gestank der in der sonne weich gewordenen hundekackbeutel setzte ihm zu, das flussufer war voll davon. hundekot in roten grünen und schwarzen beutelchen, dazwischen scherben, leere flaschen, plastikbecher, verpackungen aller art in allen stadien der zersetzung. kotze. 

sie hatten sich freíwillig gemeldet für die reinigung dieses flussabschnittes. nachbarschaftsarbeit. ivo hatte gedacht, er könnte ein paar andere jugendliche kennenlernen. er war neu hier. zugezogen. in seiner heimatstadt war er in einen grünen ortsgruppe gewesen und sie hatte beete angelegt, infostände in der stadt gehabt, demos veranstaltet, den leuten etwas zu ökologie, energiesparen und lebensmittelverschwendung erzählt. und nun das hier. müll wegmachen. 
 
ich bin freiwilllig hier, ich könnte jederzeit gehen, dachte er. den greifer und den müllsack, die dicken handschuhe abgeben, die maske vom gesicht nehmen, freundlich lächeln, etwas von einer verabredung sagen, nein, besser einen termin vorschieben und gehen. frische luft atmen.
"jetzt komm", maulte georg, "die andern sind schon viel weiter, was stehst du herum und träumst?" "der gestank." ivo würgte und nahm die maske ab, was eigentlich blödsinn war, denn dadurch  überfiel der grauenhafte geruch ungefiltert seine nase. "boah nee, ich kotze gleich!" fluchte er.
"ähh, da, schau mal", sage georg und jetzt war klar, was so fürchterlich roch. eine tote ratte, blutüberströmt und aufgebläht, lag halb im wasser. der fluss war braun wie tee und leckte an ihren beinen, der schwanz pendelte mit den wellen hin und her. die leiche stank überwältigend.
 
 
 
Danke an Mehrnousch für Wortgeschenk und Herausforderung 
Tee + lächeln + blutüberströmt

Samstag, 23. April 2022

bucha

mein freund j hat bilder und berichte geschickt aus bucha

meine erste raktion war ich erstarre und die zweite ich kotze

 ......................

 

 

ich sehe folter vergewaltigung sadismus und mord

was hat euch zu solchen monstern gemacht?

euch tiere zu nennen wäre eine beleidigung, selbst für den skorpion

mit was hat man eure herzen und hirne vergiftet

ihr seid guantanamo

drohnenbomben auf afghanische kinder

die schlächter von srebrenica und babyn jar

die scharfschützen, die auf die kniee fünfjähriger zielen

die mörder von schwangeren, die das ungeborene aus ihrem zerfetzten bauch zerren

und werfen wie einen ball

ihr seid 

vergiftet

vergiftet

vergiftet

ihr seid die fratze des todes, der, weil menschengemacht, 

nicht aufhören kann mit dem morden

ihr habt keine ruhe

bis nicht alles leben zerstört ist

die menschlichkeit kennt euch nicht mehr

ihr spuckt auf die leichen

taucht die finger in ihre wunden und malt euch siegeszeichen auf

lacht, mordet, vergewaltigt und foltert

und lacht

hört nicht auf

hört nicht auf

hört nicht auf

bis ihr, gesichter voran, im eigenen blut liegt

und verreckt.



23.4.2022

Dienstag, 29. Juni 2021

regen am nachmittag

es hat etwas zutiefst befriedigendes und beruhigendes, als am nachmittag endlich der regen einsetzt, auf den ich nachts gewartet hatte, wach im zweistundentakt, schwitzig, grummelig und morgens erwachte, zerschlagen. 

als es am nachmittag endlich losgeht, erst feines nieseln, dann nebelartige regenvorhänge, die in den pfützen regenhütchen springen blassen und blasen schlagen, an- und abschwellendes getrommel auf dem nachbarhofdach aus blech, ist es so dunkel, das ich die winzigtüpfelige led-weihnachtsbeleuchtung anschalte, die sanftgelb vor sich hin leuchtet. ich lege mich aufs bett und schlafe ein. regengewiegt.

Dienstag, 16. Februar 2021

Strohrum und Stützfrikadellen

Herr Buddenbohm hat mich mit dem Weckwort Rummeroma und seiner Stützschokolade schlagartig ins Erinnern katapultiert. Rumaroma. Gab's bei uns nie. Aber Strohrum, den Oma jeden Sommer von ihrem südtiroler Wanderurlaub mitbrachte. Sie starb 2003. Eine Flasche von dem Zeug haben wir noch. Strohrum. 80%. Pure Chemie mit Zuckerkulör. Bah. 

Kam in Kirschenmichel oder Apfelmichel, Rosinen und Korinthen für den Weihnachtsstollen wurden darin eingelegt, ein Schluck in alle Kuchenteige, weil "der hilft aufgehen".  Im Winter Tee mit Rum. Die Erinnerung an den Geruch reicht und ich stehe in der niedrigen Küche, gestrichen in helltürkis, am großen Tisch mit seiner Wachstuchdecke, in die ich an langweiligen mach-deine-Hausaufgaben-Nachmittagen mit den Gabelzinken Löcher piekte, brav dem aufgedruckten Kreuzstichmuster nach. (So spitzige Gabeln gibt's heute nicht mehr. Gefährdung des Kindeswohls...) Meine kleine Oma wuselte, rührte Kuchenteig, schlug Eischnee mit den Schneerädchen*, ich drehte auch ne Weile, aber ihre Ausdauer hatte ich nicht. Am Spülstein nur fliessend kalt Wasser. Nescafe mit Kabapulver gemischt für's Kind. Oma mischte Pils mit Malzbier. Sie mochte es auch lieber süß.

Stützschokolade ist ein wundervoll assoziativer Begriff. Kann ich bestens nachvollziehen. Sind bei mir Stützkekse. Ich brauchs knirschend, knurspelnd, krachend. 

Als ich Kind war, wären es eher Stützfrikadellen gewesen. Und zwar Freitag nachmittags. Mutter kam freitags am frühen Nachmittag heim, fertig nach einer Knochenwoche in einem Männerberuf. Kochen? Bloß nicht! Ab ins Auto und zum Strebel, der hatte Hähnchen am Grill und heisse Frikadellen. Bezahlt, Tüten genommen und zurück ins Auto. Eine Tüte gleich auf den Schoß. Aufmachen. Der Geruch! Boah. Dass der Magen noch lauter knurrt. Die Stützfrikadelle. Mundverbrennend heiss im blassen Brötchen. 

Würd ich jetzt auch eine essen. 

 

*Schneerädchen: oben Kurbel und Griff, mittig Zahnrad, unten ein Schlägerpaar. Simple Mechanik für Sahne und Eischnee

Montag, 23. November 2020

mental load

 

Mental Load & Self Care

Wer den Großteil privater (unbezahlter) Care-Arbeit übernimmt, meistens sind das Frauen, ist in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt, weil die Zeit fehlt für die eigenen Aus- und Fortbildung oder politisches und kulturelles Engagement. Dabei ist Zeit nur ein Faktor, vergessen wird gerne die sogenannte Mental Load, die Last der Verantwortung, also die Koordinationsleistung, Wissen und Überblick, was gerade ansteht und getan werden muss.
Ein zweiter, damit eng verknüpfter Aspekt, der alle Geschlechter betrifft: SelfCare, das Kümmern um sich selbst, die Fähigkeit und Möglichkeit, sich selbst nicht zu vergessen trotz all der Sorgearbeit. Nein sagen, damit es nicht noch mehr wird; Aufhören, bevor es weh tut, zum Arzt gehen, bevor es zu spät ist. Wer darf dabei welchen Part übernehmen und wie kommen wir gesamtgesellschaftlich gesehen raus aus den alten Rollenmustern, die Ihr das empathische Kümmern und Ihm das finanzielle Versorgen zuweisen?

 Metaphorisches Bild zu Mental Load

Mental Load in ein technisches Bild gezeichnet stellt Hintergrundprozesse da, die nicht abbrechen. Ein Brower mit unzähligen tabs, die geöffnet sind und parallel benötigt werden. Ist dieser Load zu hoch – füllt sich der Arbeitsspeicher bis zu einem bestimmten Punkt, bis der PC abstürzt. Die Erwartung an Frauen ist immer noch sehr hoch, dass sie der Carearbeit nachkommen müssen.

Für viele Personen stellte es eine Erleichterung dar, mit dem Begriff Mental Load einen Begriff zu haben, welcher ihre Last in Worte fasst, fast wie eine Diagnose zu haben.

Quelle: https://equalcareday.de/3-mental-load-und-self-care/

Der gemeinnützige Verein klische*esc e.V. koordiniert die übergreifende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den Equal Care Day, der am 29. Februar stattfinet - oder am 1. März. _____________________________________

 Über die Seite @riseandrevolt auf insta bin ich erstmals über den Begriff mental load gestolpert und mir geht es genauso, wie oben beschrieben. Endlich einen Begriff zu haben für die Last, die ich trage (und Viele da draussen genauso!) an Verantwortung, Koordinationsleistung, Überblick, fünf to-do-Listen, die gleichzeitig blinken. Bisher nannte ich es immer Hamsterrad. Und bei der nächsten Depression "ich.kann.nicht.mehr" ohne es genauer benennen zu können.

Kranker Mann, Steuererklärung weil das FA schon Frist setzt, Überstunden im Job, Trauerarbeit bei der Transition meines Kindes, zu der ich mir keine Zeit lasse, depressive Abkracher, die zeitweise kaum händelbar sind, mentaler Druck, mit der Anpassung an die Transition und neue Situation fertig zu werden, die Wohnung, die leise stetig zusifft, eigene Anforderungen an dies, sell und jenes, die ich dem k.r.a.n.k.e.n. Mann nicht aufdrücken kann, Ankündigungen im Job auf bald noch mehr Arbeit (Chef will Partner den Bestand abkaufen), internalisiertes Verantwortungsgefühl, internalisiertes eigene-Grenzen-missachten, home-office ohne Diensthändi und am Küchenstuhl an 3 von 5 Tagen, (wann) gehst Du kranker Partner zum Arzt? (gehst Du überhaupt?), wann wird Dein Zustand besser? belastbarer? Donnerstag Kindgeburtstag, Kuchen, Geschenk, tralala, Äpfel bestellen ... Vater müsste auch mal wieder angerufen werden. (füllen.sie.beliebig.noch.zwei.seiten.auf.) Die Gesamtorganisation von ALLEM, die als Hintergrundprozess durchgehend am scheppern ist. 

ich.mag.nicht.mehr. 

ach. hätt ich fast vergessen. Weihnachtsgeschenke. 

 


 

Sonntag, 25. August 2019

das leben bleibt anstrengend

 "sanfter Landregen. Ich vermisse Dich" malte ich ziemlich leer im Hirn Kringel auf Kringel auf Kringel aus Kringel, als der Gatte im Krankenhaus lag und hier zwei Tage lang ein wirklich freundlicher netter Regen runterkam.

 "ach das wird. und wenn nicht?" fasst den Zustand mittlerweile gut zusammen. Manche Tage versprechen Besserung, andere sind blutige Rückschläge.

Es ist wahnsinnig schwer, der Angst, Frustration, Depression, Hilflosigkeit, seinem Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein, etwas entgegenzusetzen.


Portraits probieren.... nen, keinerlei Ähnlichkeit beabsichtigt, einfach der Wunsch auszuprobieren, was ich vor Wochen im scetchbook revival mal ansatzweise lernen durfte.
Das Wort Rekonvaleszenz auf der linken Seite kam erst zum Schluss dazu.

Ehe ich überhaupt gegenständlich begann, hab ich ich weiss nicht wieviele Schichten Gesso mit braun/indischgelb/tiefrot/neon so oft in- und übereinander gestrichen, dann stieg türkis ein und noch ein paar Schichten.  Es tat so gut, einfach mit Pinsel und Farben abzutauchen. Den Kopf leer machen. Die Freude an dem Gefühl, wie die Farbe sich verteilen lässt, smoothie, pastos, cremig.


Dienstag, 20. Februar 2018

tell a story bus und bahn

Hui, ich muss mich ja eilen. Ihr habt schon wieder alle so tolle Bus- und Bahngeschichten geschrieben! Emma mit tells a story ruft mit Bus und Bahn unterwegs als Thema aus.

Bahn: Ab der 5 Klasse bis zur 13 Zug fahren. 10 Minuten Fahrrad - Schussfahrt, Rad auf Gleis eins hinschmeissen abschliessen, über das Gleis rüberrennen, durch die Unterführung galoppieren, in den anfahrenden Zug hopsen  einsteigen und mit einem Pulk krakehlender Schulkamerad*innen Zug fahren.
Ich bin bei offenen Türen mit helfenden ziehenden Händen eingestiegen, ich bin in weit offene Gepäckwagen gehechtet, Ranzen vorneweg zur großen Rolltür reingepfeffert. Und so oft über Gleis eins gerannt... oh mann.

Strassenbahnfahren in Riga

Könnt Ihr Euch noch an die Triebwagen erinnern? 

Klein pummelig rot. Der Lokführer saß vorne, nur getrennt von einem popligen Schiebetürchen von einer Horde aufgedrehter Schulkinder. Die Triebwagen hatten an den Aussenseiten große Schubfächer, in die jeweils das Schild gesteckt wurde mit dem Zielbahnhof. Die nicht verwendeten Schilder lagen vorne vor dem Schiebetürchen auf der Bank. 
Und wenn 50 gröhlende Schüler einsteigen sieht kein Lokführer mehr die Schilder, aber ein Haufen Schulkinder hat die Schilder in Händen und veranstaltet den ohrenbetäubendsten Theaterdonner.
 Ich glaube für die Triebwagenlokführer war der Samstagmittagzug die Strafe schlechthin. (Ja, Samstags war Schule!)

Eisenbahnbrücke Mainz-Nord

Ich bin mit der Bahn zum Studium gependelt, zu meinen ersten Arbeitsstellen und fast immer in den Urlaub gefahren.

Gegen Ende der Achtziger eine Reise nach Sucha Beskidska, Polen. Wir blieben zu einer Hochzeit drei Wochen und fuhren in der Zeit oft mit dem Frühzug nach Krakau und abends wieder zurück. Die polnischen Züge waren nun ja eher etwas schwammig mit der Pünktlichkeit... Aber wir hatten Gaudi mit den Schulkindern, die ihre Sprachkenntnisse an uns ausprobierten.

Eine Reise nach Ungarn vor 19 Jahren, mit dem Zug nach Gyula nahe der rumänischen Grenze. Es gibt leider keine Fotos. Stellt Euch vor: Der Nachtzug von Budapest nach Constanza (ein ausrangierter deutscher Zug mit diesen Griffen zum runterdrücken) fährt mit offenen Türen durch eine warme Sommernacht. Landschaft ohne Strassenlaternen. So richtig richtig Nacht. Und wir hängten rückwärts die Köpfe aus den Fenstern, über uns das herrlichste Band der Milchstraße. Wir haben uns versprochen, eines Tages nehmen wir den Zug nochmal, aber bis Constanza. 

U Bahnfahren in Budapest! 
Ich war geplättet, wie tief die Rolltreppen gehen! 

Überhaupt Zugfahren in Ungarn: Superpünktlich. 
Die Überlandbusse halten auf Zuruf / Zuwinken. Genial.

Ich bin eingeschworen auf Bahnfahren. Entspanntes Reisen, Kinder haben Platz zum Rumlaufen, lesen, dösen, schreiben, zeichnen, einfach rausgucken, Leute kennenlernen. Vier Menschen, vier Treckingrucksäcke, wir sind unterwegs. Manchmal vier Fahrräder dabei. Ich habe bis heute keinen Führerschein, wir kein Auto. Für uns ist es einfach eine andere Art der Organisation. Ich bin froh und dankbar, dass ich so leben kann.

in Strasbourg unter einer Brücke durchfahrend

Als die Flöhe klein waren, fuhren wir manchmal nach Oppenheim zur Burg Landskron oder nach Bad Münster am Stein, wandern. Die Kinder haben manche Zugstrecke in den Gepäckablagen kletternd verbracht. Darüber müssen wir heute noch lachen. Wir waren herrlich entspannt lausige ungezogene Eltern.  

Montag, 19. Februar 2018

tell a story - mit dem Rad

Über Ghislanas schönen Fahrradpost bin ich zu Emma gestolpert und dem Aufruf tell a story - mit dem Fahrrad
Radfahren lernte ich mit Omas großem 28 Zoll-Rad auf der damals noch unbefestigten Straße vor ihrem Haus. Zu hoch das Ganze, um sitzend an die Pedale zu reichen, aber toll zum Rollern und Sausen und im Stehen strampeln. Wie alt ich da war? Irgendwas zwischen 5 und 7 glaube ich. Dann bekam ich ein eignes Rad, ein rotes Damenklapprad, das ich so lange fuhr, bis es geklaut wurde. Nach diesem gab endlich ein großes Rad für mich. 26 oder 27 Zoll, mit dem waren wir Anfang der Achziger zu Fünft auf einer Radtour rund um den Bodensee. Das Format war so ausgefallen, dass wir auf der schweizer Seite, als mir der Mantel riss, keinen Fahrradmonteur fanden, der einen passenden Mantel hatte! So steckte er unter das gerissene Mantelstück ein Ersatzstück eines Stollenmantels, pumpte auf und es hielt. Ich fuhr am andern Tag etwas hoppelnd - der Reifen war ja an einer Stelle dicker/höher - bis auf die deutsche Seite, wo wir dann einen Velo-Schrauber fanden, der auch meine Mantelgröße führte. 

Zur Schule fuhr ich die Monate Mai bis Oktober mit dem Rad, 10 km über die Landstraße. Im Sommer waren wir ein ganzer Pulk Kinder und Jugendliche, die gemeinsam radelten. Als der erste ein Mofa hatte, hängten wir uns dran. Großes Gejohle! Wenn man zu spät in den Unterricht kam, griff man vorher kurz in die Kette, zeigte verschmierte Pfoten vor und entschuldigte sich mit "mir ist die Kette runtergefallen"...

Mein Vater übte mit mir Platten flicken, Dynamo austauschen und Birnchen wechseln, Kabel neu ziehen, Kontakte prüfen etc., denn ohne Licht durfte ich nicht fahren. 
Diese Verantwortung wünsche ich mir jeden Winter, wenn es mit all den unbeleuchteten Crashradlern in der Stadt ständig beinah-Unfälle gibt! Es ist einfach so rücksichtslos und scheissgefährlich, ohne Licht zu fahren!
Was ich leider nie gelernt habe, ist eine Gangschaltung wieder einrichten. 

Irgendwann suchte ich mir mein erstes 28 Zoll Rad aus. Mit hohem gebogenem Lenker - so hollandradmäßig, eine Fahrradform, die dem alten schwarzen Rad meiner Oma entsprach, auf dem ich fahren lernte und die mich seither nie mehr verlassen hat. Darauf fahre ich am bequemsten. In den Zeiten der schwer lädierten Hüfte, als mir das Rad über Jahre die Beine ersetzte, war der tiefe Einstieg Gold wert und ich habe nie aufgehört zu fahren. Schön viel Gänge und ich radle hoch auf den Lerchenberg. 

Wir wohnen mitten in der Stadt und erledigen radelnd alles. Arbeit, Schule, Einkäufe, als die Kinder klein waren mit Anhänger und / oder Kindersitz, Lastenanhänger für alles, was in den Garten muss oder sonstwohin. 


mit den Rädern im Garten, 2014 (nein, der Kerl hat keine Skoliose, er bläst den Bauch auf und macht Quatsch) 


   Lesestoff und Schulhefte gehen im Sommer mit raus. 



 Ich habe eine großen verbeulten Korb, in dem ich viel unterkriege.  So auch den wunderbaren Treibholzbrocken:
kleiner Wal vom Rheinufer....

Das bisher schwerste: Im Anhänger 3 hölzerne Kompostmieten aus dem Baumarkt, ein kleiner Sack Anzuchterde, Stickel für's Himbeerbeet. Boah, was ne Strampelei!

Die Kinder radeln genauso zu Schule, Sport, Musik, Freunden. 
Im Urlaub werden Räder geliehen.

Von der letzten Tour im alten Jahr hab ich ja schon erzählt:
Am Main entlang. 





Ohne Rad wär ich nur halb. Und eine Bauchlandung bei Glatteis hält mich nicht davon ab, wieder zu fahren. Liebe Emma, danke für diesen Aufruf zu Geschichten!