Mittwoch, 24. April 2024

dancefloor

 Mittwochnachmittag im Büro. Ei.gent.lich hätten wir seit einer Stunde Schluß. 

Es klingelt. Seufz. "Oh nee, es ist noch so viel…Wer kommt denn jetzt?" Frau R. Frau R ist immer eine Herzensfreude. Vom Leben gebeutelt, mit unerschütterlicher Kraft für sich und den Lebensgefährten, der nach zwei Schlaganfällen etwas langsam ist, aber beide machen immer irgendwie weiter. Sprechen sich Mut zu. Stützen sich. Liebevoll. Nehmen die nächste Hürde, den nächsten Nackenschlag. Bleiben beisammen. Heute ist sie alleine.  "Herr Jo ist zuhause. Kocht. Portugiesisch!" sagt sie.

"Manchmal muss man raus, Luft holen, bewegen",  sagt sie, schnauft tief und wedelt mit den Armen. Sie setzt sich und erzählt vom Umzug in die neue Wohnung, so viel enger als die vorherige, aber  dort lebten sie im Schimmel, über zwei Jahre lang, die Vermietergesellschaft hat sie immer nur vertröstet "und Jo, mit den Schlaganfällen, nein man ist ja krank in dem Schimmel ». 

Nebenbei gebe ich ihre neue Anschrift in die Datenbank ein, damit ist eigentlich alles erledigt. Sie erzählt vom Umzug mit Müllsäcken, weil Kartons so viel kosten, werden nur einmal gebraucht, dann stehen sie herum. Erzählt vom defekten Kühlschrank, das Gefriergut taute auf und sie mussten ganz schnell ihre Vorräte aufessen. "Alles, was wir eingekauft und gefroren hatten, als es Sonderangebote gab!"  Sie erzählt noch viel mehr, sie packt es in Witze ein, aber im Grund ist es tragisch und schwer.  Und ein großer Batzen der Schwere ist der jahrzehntelange Rassismus, das schlechter behandelt werden, das als Letzte drankommen, das keinen Streit anfangen,  nicht aufs eigene Recht pochen, weil man so ausgeliefert ist, der Vermietergesellschaft,  dem Arbeits- und Bürgeramt, der Kasse. Ein alter kranker portugiesischer Gastarbeiter mit brüchigem Deutsch und seine Schwarze Lebensgefährtin. 

Plötzlich, ich weiss nicht mehr, wie sie draufkomt, sagt sie, "ich hör so gerne Musik.  So alte deutsche Musik. Und dann tanze ich. 99 Luftballons, Text kann ich nicht, aber tanzen."  Sie steht zwischen uns, rollt Arme und Hüften, lacht, singt. "Tanzen ist so schön" Eine kleine afrobritische Frau mit einem entzückenden Akzent, sie wiegt sich und tanzt, wir fallen ein. Meine liebste Kollegin rotiert Arme und Schultern, "das hab  ich von Frau B (was ich bin) gelernt", ich muss lachen und mache mit. "Oh" sagt Frau. R kichernd,  "das ist gut" und macht mit. Drei garnichtmehr junge Frauen im Büro, lachen sich an, tanzen, lassen die Hüften schwingen, die Arme schlenkern, die Augen rollen.

Wir begleiten sie zur Tür. "Viele Grüße an Herrn Jo, alles Gute." Noch ein Lachen, ein Danke, ein Winken.  Die Schwere, die Traurigkeit, das Alter, die aussichtslosen Mühen gegen rücksichtslose Vermieter, lahme Behörden, gesundheitliche Probleme sehe ich an ihren Schultern, ihrem Rücken, der müde runtersackt, als sie vor mir die Treppe herabgeht, die kleine danceflooreinlage vorbei ist.