Montag, 1. Mai 2017

die welt vor meiner tür

die welt vor meiner tür

auf dem weg zum garten begegne ich zwei hochzeiten. eine braut im schleppenwallenden kleid mit dunkel gewandetem bräutigam stellt sich vor der evangelischen kirche im schütteren stadtgrün zwischen den scherben vom letzten frühjahrsmarkt zum hochzeitsbild auf.

eine muslimische hochzeit kommt mir im autokorso entgegen. von der braut sehe ich nur ein in feinste falten gelegtes kopftuch, eine wange, ein blitzendes auge, dann ist das blütengeschmückte taxi auch schon vorbei. die schlange der gäste braust hupend hinterher.

auf dem weg zur angeheirateten familie müssen wir ans andere ende des saarlandes. in der strassenbahn sitzt eine rothaarige schönheit mit einem göttlichen ausschnitt. ihr blick unter perfekten brauen geht ins leere, schneidet mühelos die fahrgäste in scheiben, spießt sie auf, wirft sie durch's fenster

sie nippt an einem energydrink, bemüht, die auf eine linie herabgezogenen schultern des endlos weiten pullovers millimetergenau an ort und stelle zu halten.

zwei musliminnen steuern die freien plätze an mir gegenüber. als die bahn anfährt strauchelt die ältere, die jüngere hält sie am ärmel, zieht sie in den sitz. wir lachen, wie frauen es tun, wenn uns etwas vereint, "strassenbahnfahrer" wortlos und kopfschüttelnd, "strassenbahnfahrer! sie können nicht warten, bis jemand sitzt." die ältere zupft ihr weisses satintuch zurecht, zieht es wie ein strahlendes schild über die stirn, zwinkert mich an. die jüngere fummelt ihre ohrstöpsel unter dem kopftuch zurecht. wir sortieren unsere kniee und fahren.

ein asiatisch aussehender junge steigt zu mit einem pizzakarton groß wie ein backblech. er hält sich an der türstange fest, summt im takt der musik, die nur er hört, schliesst halb die augen, bewegt seine lippen, blinzelt unter den wimpern, 'wo halten wir', wippt und wiegt sich und ist so weit weg.

eine afrikanische familie nimmt platz. die kleinen mädchen, festlich gekleidet in rosa und weiss, setzen sich ordentlich an die rückenlehnen, die kurzen beine wie stecken geradaus. sie halten kleine trinkbecher fest, die die mutter verteilt, trinken wasser. ihr jüngerer bruder schmiegt sich kurz vor'm verlorenen gleichgewicht an die aussenkante der lehne. von seinen schwestern abgewandt schaut er nach unten auf seine hand, die er auf dem polster bewegt. er lässt die fingerchen tanzen, während seine zungenspitze am karomuster des hemdes leckt.

draussen zieht die stadt vorbei. von der enge des stadtkerns rollen wir ins gewerbegebiet, sanierte gebäude neben verschrammeltem leerstand. bald kommen die nächsten vororte. eine afrikanische frau mit hohem strahlend buntem turban steigt zu mit noch ein paar frauen, sie diskutieren gesten- und wortreich. ich verstehe kein wort.

wir nähern uns der grenze. die haltestellen schallen auf französisch und deutsch durch den lautsprecher. die schilder draussen werden zweisprachig.

gleich sind wir da.

Kommentare:

  1. eindrückliche beobachtungen. mir gefällt, wie liebevoll, aber auch humorvoll du die menschen beschreibst!
    liebe maiengrüße
    mano

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  2. ...so treffend wie du das beschreibst, liebe Eva,
    habe ich das Gefühl, auch mit gefahren zu sein...schön...danke,

    liebe Maigrüße Birgitt

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  3. Auch ich war mit dabei, eine Freude sozusagen... Lieben Gruß Ghislana

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  4. Wieder einen Tag zu spät komme ich, war gestern gar nicht im Netz, um mal wieder was zu schaffen...
    Aber wie gut, dass Bloggeschichten bleiben und man sie auch später immer noch mal lesen kann.
    Diese ist wieder besonders eindringlich und wirklich besonders! Ich sitze auch in der Bahn und sehe die kleinen Mädchen mit den geraden Beinen auf dem Sitz und sehe, wie die Zunge des Bruders am Karomuster, doch könnte ich es niemals so schön wie du in Worte fassen!
    Liebe Grüße - Ulrike

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  5. Wie schön. Ich höre Euer Lachen.
    Lieben Gruß und danke für die ausführliche Antwort
    Katala

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