Dienstag, 27. Dezember 2016

Grete-guck-in-die-Luft


Nach feiertäglicher Familienfeier-Ess-Lese-Schlaf-Faulheit gestern ein langer Spaziergang am Rhein bis es dunkelte. 






                                                                 *  *  *


Ich wär eine rechte Grete-guck-in-die-Luft
Kopf im Nacken
den Himmel suchen.






Zwischen Baustellen, Nordmole, Fluss
endlich
stehe ich
drehe mich





unter diesem Himmel
wie die Kräne
um 360.




Lasse mir Horizontaugen wachsen
die die Kurzsichtigkeit der Städte
ablegen
fliegen lernen




mit den glühenden Zinkblechen des Himmels
den Lavaseen
die westwärts ziehen.




Ich wär eine rechte Grete-guck-in-die-Luft
nackensteif stelzend durch Baustellenschotter.


Und immer noch blüht etwas
gelb die falsche Kamille
und die Brombeeren legen
beharrlich
ihre Fußangeln aus,
bissige.  






Stopfe Schalenden unter die Mütze
damit mir der Wind nicht
die Ohren beisst,
wenn ich mich
auf der steinigen Öde
gegen ihn stemme,






zwischen aufgeschichteten Stahlträgern
'Baustelle betreten verboten'
und den schlafenden Baggern,
deren Arme gesenkt
wie müde Gottesanbeterinnen,
erfroren im Dezember
am Boden liegen.  






Dieser Wind!
Der die Straßenlampen zum Schaukeln bringt
und Plakate abreisst.






Wolkenwalzen treibt er vor sich her
rollende Gebirgszüge in rosa.


Die Baustellenzäune klirren mit ihm
und das Tingtingting schlagender Drähte
wie zwanzig irre Triangeln.





Ich wär eine rechte Grete-guck-in-die-Luft.

Steige auf Mäuerchen, Blöcke,
die die Baustellen säumen,
balanciere auf Betonröhrenrändern
um noch mehr
und noch mehr






noch weiter
Himmel zu schauen,
zu trinken, zu schlürfen, aufzusaugen,
wie ein Schwamm,
ein gieriger Augenschlund. 





Diese Glaskuppel über mir
in allen Farben von Zink
von grau, matt und kalt
weissbrennend
bis glühendrot.


Brodelnd und blasige
Wolkenlava,
die Fenster in Brand setzt

und Schornsteine zum Brennen bringt,






Kräne abfackelt,

bis nur noch
rosige Zuckerwatte
durchs Grau segelt
sich in Baumkronen verfängt
und abkühlend an Farbe verliert
in der schaudernden Haut der Pfützen.







 
Wie lange es braucht
im dunkelnden Rückweg




den Blick wieder umzuschalten



auf NAH.

Kommentare:

  1. Liebe Eva, wie wunderbar du doch Stimmungen in Worten einfangen kannst, dazu noch mit diesen Bildern deiner Stadt untermalt! Du hast mich mitgenommen auf diesen Spaziergang, bin direkt neben dir in die Dämmerung gewandert. Ganz liebe Grüße von Ulrike

    AntwortenLöschen
  2. Ach ja...bei dem Spaziergang hätte ich dich gern begleitet! Noch eine schöne restliche Weihnachtszeit! LG Lotta.

    AntwortenLöschen
  3. Wow, was für großartige Bilder. Ich liebe Spaziergänge am Rhein. Alles Gute für 2017!
    Magdalena

    AntwortenLöschen
  4. Ein sehr poetischer Spaziergang :)
    Habe ihn bei mir verlinkt!

    AntwortenLöschen