Donnerstag, 22. September 2016

die welt vor meiner tür

im kleinen park
den ich durchfahre morgens früh
brennen am boden kerzen
jemand hat eine ganze packung
teelichte aufgestellt
ein großer kreis
einige erloschen
andere leuchten noch
ich kreise mit dem rad
ein zweimal dreimal

ein lichterlächeln
auf dem weg

***

greisin im rollstuhl
in der sonne
das weisse haar
wie flachs wie flaum im licht

***

ein sonnenuntergang in himbeerrot
flammt hinter häusersilhouetten 
flugzeuge machen helle kratzer
in flockiges orangenblut zerfasern ihre narben

***
am bushalt in der nacht eine nervöse frau.
sie lehnt mit sonnenbrille, trotz der dunkelheit
an eine wand geschmiegt.
die hände an die knie gepresst
hält sie sich an sich selber fest.
als der bus angesagt wird
bewegt sie sich, wird hektisch.
tasche öffnen
die brille hoch ins haar
wimpern getuscht schnell ohne spiegel
brille vor die augen
tasche zu
und wieder tasche auf
die brille hoch ins haar

sie sucht die zigaretten
steht auf
brille vor die augen
geht ins licht der lampen.
ich sehe ihre wange
zuckend zitternd mahlend.
brille hoch ins haar
und zigarette an.
es ist ein stummel nur
sie raucht mit tiefem zug
gierig konzentriert
stößt rauch aus mund und nase
hält den stummel
mitten in den lippen
die wange zuckt
und noch ein zug
noch eine wolke vorm gesicht.
der bus fährt an
sie schnippt die kippe hinter sich
die brille vor die augen
und beisst sich in den bus.

***


Kommentare:

  1. Deine Zeilen sprechen mich sehr an.
    Magdalena

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  2. Oh Eva, wie gut du beobachtest, wie unglaublich gut du dies alles in Worte fassen kannst!
    Es ist, als ob ein Film abläuft...
    Auch dein Gedicht zur Sonnenwende gestern ist wunderbar schön.
    Liebe Grüße zum Wochenende von Ulrike

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